Jana zwinkerte und schüttelte verwirrt den Kopf. Dieser Tagtraum von Stefano machte sie ganz kirre. Er kehrte immer wieder. All die Jahre immer wieder. Sie saß mit Telefonhörer in der Hand am Schreibtisch und schüttelte sich. Versuchte, die Illusion von Stefanos verschiedenen Wesen loszuwerden. Wieviele Seelen konnten in einem Körper wohnen?

Das Telefon hatte schon sechs, sieben Mal geklingelt. Jetzt wurde Janas Anruf entgegengenommen. Thorsten Bender meldete sich mit: «Hi Kleine!» Jana wischte die Vorladung des Gerichts vor sich glatt und sagte: «Hi. Ich soll ja übermorgen als Zeuge vor Gericht aussagen. Langsam wird es Zeit, dass du mich aufklärst!» «Sie hat uns verklagt!», erklärte Thorsten.

«Ja, das kann ich der Vorladung entnehmen. Dana-Maya … Aber warum? Wieso? Und was kann ich schon dazu sagen? Ich weiß ja garnicht, worum es geht!», meinte Jana. «Du, das muss ich Dir später erklären; habe jetzt einen Termin! Ich melde mich später bei dir», versprach Thorsten und legte auf. Eine Antwort wartete er nicht ab und Jana legte genervt den Hörer auf.

Der Rückruf kam nicht. Nicht am nächsten Tag. Nicht in der Woche darauf. Thorsten rief nicht an – auch nicht, als Jana ihm erneut auf die Mailbox gesprochen hatte. Was sollte das? Jana hätte gerne irgendwas über die Klage, die Dana-Maya gegen ihren alten Freund Thorsten eingereicht hatte, gewusst – bevor der Gerichtstermin war. Die Gelegenheit war nun verstrichen.

Jetzt war Montagmorgen – DER Tag – und Jana musste nun ahnungslos vorm Gericht aussagen. Versuchsweise wieder wählte sie erneut Thorstens Handynummer. Seine Mailbox lief. Jana drückte die Auflegetaste, trank ihren Kaffee aus und zog ihren Blazer über. Sie verließ das Büro und fuhr mit dem Auto in die Hamburger Innenstadt. Nach fünfundvierzig Minuten erreicht sie das Hamburger Landgericht, welches am Sievekingplatz in der Innenstadt lag. Zivil- und Strafjustizgebäude mit Anbauten, die Untersuchungshaftanstalt und das denkmalgeschützte Oberlandesgericht umrahmten den Platz.

Jana fand im Holstenwall direkt einen Parkplatz. Sie stieg aus, besorgte sich ein Parkticket, klemmte es hinter die Windschutzscheibe und lief durch den Park zum Gericht. Hier blüten die ersten Bäume. Das liebliche, junge Frühlingsgrün vertuschte, weswegen Jana hier geladen war: wegen einer gerichtlichen Auseinandersetzung. Bloss welcher?

Aufgeregt trat Jana durch eine der doppelseitigen Riesentüren ins Gericht. War es aus Eisen und Stahl? Oder aus alter deutscher Eiche? Sie versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Treppen führten hinauf, Gebäudeteile in alle Himmelsrichtungen. Das Gebäude sah aus wie ein geschlossenes E. Es hatte drei Arme und zwei verbindende Längsteile, die in die Unendlichkeit zu führen schienen. Jana lief und lief. Ging ins zweite Obergeschoss und fand erst nach 20 Minuten den gesuchten Gerichtssaal.

Und was jetzt? Eintreten? Warten? Es stand keiner vor der Tür. Also waren die Beteiligten drinnen? Auf dem austauschbaren Schildchen neben der Tür stand, um welche Strafsache hier verhandelt wurde. Jana klopfte, trat ein und stellte sich vor. Freundlich sagte der Richter, sie müsse noch einen Augenblick warten; er würde sie aufrufen; am Ende des Flures wäre ein Wartebereich.

Jana ging dorthin. Zwei Männer liefen wortlos im Kreis. Sie gesellte sich zu ihnen. «Guten Morgen! Bist Du nicht einer von Thorstens Mitarbeitern?», fragte sie den einen. Der nickte. «Ja, stimmt. Du bist Stefanos Ex-Frau oder?»

Jana stimmte zu. «Weißt du, worum es hier heute geht?», fragte sie ihn.

«Ja und nein. Thorsten und Stefano haben Frau Edel doch vor einigen Jahren ein paar Wohnungen verkauft. Als Anlagevermögen. Und jetzt meint die Käuferin, sie wäre betrogen worden. Aber mehr weiß ich auch nicht», erzählte der 25jährige Immobilienverkäufer. Jana erwiderte: «Ich weiß überhaupt nicht, was ich hier soll. Mit der ganzen Sache hatte ich überhaupt nichts zu tun.»

Ihr Gesprächspartner zuckte mit den Schultern, konnte aber auch nicht mehr Antworten, da er aufgerufen wurde. Jana schaute aus dem Fenster. Die dicken alten Mauern des Gebäudes bildeten am unteren Ende des Fensters eine schwere, tiefe Fensterbank. Sie setzte sich darauf.

Warten. Warten. Warten. Jana wartete und überlegte: ‚Was ist da damals gelaufen? Wovon weiß ich nichts? Was habe ich damit zu tun?‘

Als sie eine Viertelstunde später endlich aufgerufen wurde, war sie sehr aufgeregt; ja fast überdreht. Jana trat in den Gerichtssaal. Der Richter saß an der Längsseite des Raumes, mittig am großen Richterpult. Links, direkt an der Tür saß Thorsten mit seinem Anwalt. Rechts am Fenster saß Dana-Maya Edel mit ihrem Rechtsvertreter. Die ungefähr acht Jahre ältere Frau blickte die Eintretende nicht an.

Thorsten sagte: «Hallo Jana!» – und der Richter bat sie, in der Mitte direkt vor ihm, Platz zu nehmen. Zwischen den beiden Parteien. «Bitte nennen Sie uns Ihren vollständigen Namen und Anschrift für das Protokoll», forderte der Richter sie auf. Jana Pfeffer tat das. «Woher kennen Sie den Angeklagten?», fragte er dann.  «Thorsten Bender und ich haben uns vor ungefähr 20 Jahren mal beruflich kennengelernt. Seitdem sind wir befreundet», erklärte Jana.

«Und in welchem Verhältnis stehen Sie heute zueinander?», fragte er. «Seine Frau – die ich schon aus unserer Jugendzeit kenne – , mein Ex-Mann und ich waren viele Jahre lang beste Freunde. Mein Ex-Mann hatte darüber hinaus geschäftlich mit ihm zu tun.»

Der Richter bezog seine nächste Frage auf Dana-Maya: «Sie kennen die Klägerin? Frau Edel? In welchem Verhältnis stehen Sie zu ihr?» Jana zögerte – wie sollte sie darauf antworten? «Sie ist die Kundin meines Ex-Mannes gewesen. Ich kenne sie selbst nur oberflächlich.» «Sind Sie mit ihr privat befreundet?», fragte der Mann in schwarzer Robe weiter. «Nein, bin ich nicht», erklärte die Zeugin.

«Wie hat Stefano Schwarz Ihnen die Frau vorgestellt?» «Wie? Als Kundin, die betriebswirtschaftliche Beratung braucht. Er hat für sie gearbeitet», erläuterte Jana. Der Richter hob eine Braue. «Wie hat er sie Ihnen gegenüber bezeichnet?», fragte er. Jana erklärte nochmals: «Als Kundin!» Links von ihr bewegte sich Thorsten und nuschelte «Sag ich doch.»

Sein Anwalt übernahm das Wort: «Es ist wichtig, dass hier geklärt wird, in welcher Beziehung Dana-Maya Edel zu meinem Mandanten stand. Wie wurde Frau Edel Ihnen und anderen hier in Hamburg vorgestellt?» «Als Kundin!», äußerte Jana nun leicht gereizt. Was sollte diese Frage? Inhaltlich immer wieder die gleiche. Rechts von ihr saß Dana-Maya und sackte in sich zusammen. Frage für Frage; Antwort für Antwort, wurde sie kleiner und schmaler. Jana sah den Schmerz in ihrem Gesicht. Sie tat ihr leid. Trotz allem.

Ihr Anwalt riss nun das Wort an sich: «Sie lügen doch. Ihr Freund da hinten hat Ihnen doch eingeimpft, was Sie hier sagen sollen!», behauptete der.

Jana warf dem unsympathischen Anwalt einen verächtlichen Blick zu; drehte sich dann wieder zum Richter um. «So ein Quatsch. Nachdem ich die Ladung für diesen Gerichtstermin bekommen hatte, versuchte ich Herrn Bender mehrmals telefonisch zu erreichen. Aber er rief jedes Mal nur: «Ich rufe zurück!» und schmiss den Hörer in seiner überaus «freundlichen» norddeutschen Art auf … Er hat sich aber nicht dazu gemeldet. Bis heute nicht.»

Links lachten alle. Der Richter schmunzelte. Jana´s Nervosität war längst verflogen. Sie war jetzt eher cool und in sowas wie Wettkampfstimmung. Der Anwalt der Klägerin erklärte: «Meine Mandantin ist der Meinung, dass Herr Bender seine private Beziehung zu ihr ausgenutzt hat, um ihr die Immobilien aufzuschwatzen.»

Jana krauste die Stirn. «Wenn hier jemand eine private Beziehung zu ihr hatte, dann mein Ex-Mann. Aber Herr Bender hatte meines Wissens nur geschäftlich mit ihr zu tun.» «Und wie wurde Frau Edel ihm vorgestellt? Als die Freundin von Herrn Schwarz?», erkundigte sich der Anwalt. Jana kreuzte die Arme vor der Brust und blickte ihn fast mitleidig an. «Wie bitte? Nein, sie wurde von meinem Ex-Mann immer als Kundin betitelt. Glauben Sie mir: Hätte jemand aus meinem Freundeskreis sie als Freundin meines Ex-Mannes kennengelernt, dann wäre ich ganz sicher viel früher von ihm geschieden gewesen!»

Thorsten lachte. Dana-Maya traten Tränen in die Augen. Jana sah das, aber was sollte sie tun? Lügen, um sie nicht zu verletzen? Der Anwalt drehte sich so auf dem Stuhl, dass das Blickfeld zwischen Jana und Dana-Maya enger wurde. Der Mann diente jetzt als Schutzschild. Der Richter zog Bilanz: «Verstehe ich richtig? Frau Edel wurde Ihrem Wissen nach immer als Kundin bezeichnet? Nicht als private Bekannte?»

Jana nickte. «Wie oft soll ich es noch sagen? Sie ist und war für alle in meinem Umfeld eine Kundin, die meinen Ex-Mann als Berater eingekauft hat. Sie hat laut ihm von ihren Eltern einen Gewürzgroßhandel geerbt. Und als Künstlerin war sie den betriebswirtschaftlichen Aufgaben wohl nicht gewachsen …» Thorsten atmete auf. Dana-Mayas Anwalt schnaubte. Seine Mandantin erschauerte unter dem Wasserfall eiskalter Erkenntnisse. Sie war betrogen worden. Von ihm. Stefano. Doch schlimmer, als sie bisher geahnt hatte. Dana-Maya zerbrach.

Der Richter entließ Jana; sie ging raus. Im Wartebereich hielt sich nun ein anderer, älterer Mann auf. Die eben Entlassene ging auf ihn zu und begrüßte Dana-Mayas besten Freund und Ex-Mann. Sie kannte ihn von Fotos und Erzählungen; als Künstler war er weltweit bekannt. «Sie sind auch hier? Dass wir uns hier kennenlernen müssen … Ich kann nicht glauben, wohin Stefano uns alle getrieben hat!» Der Weißhaarige stellte sich genau vor Jana und blickte sie verständnislos an. «Er uns? Ihr habt doch alle gemeinsame Sache mit ihm gemacht und Dana-Maya fast in den Ruin getrieben!»

Jana schluckte schwer. «Nein, niemals. Ich habe von all dem nichts gewusst und ganz sicher niemanden wissentlich geschädigt. Stefano hat uns alle angelogen. ALLE! Es ist sein Spiel. Wir Anderen waren nur Statisten darin!» Bevor sie das Thema vertiefen konnte, wurde die Tür des Gerichtssaales geöffnet. Alle strebten nach draußen. Dana-Maya versuchte, tief Luft zu holen und die Tränen zurückzuhalten. Ihr Anwalt redete auf sie ein. Der Künstler stellte sich zu ihr. Jana blieb für ein paar Sekunden allein, unschlüssig, was sie jetzt tun sollte.

Die Frau war jahrelang die Geliebte ihres Mannes gewesen. Doch statt Groll für sie zu empfinden, fühlte sie sich mit ihr verbunden. Gleichsam hatten sie dasselbe Leid gefühlt. Gleichsam waren sie von ihm, Stefano dem Gigolo und Chamäleon, um Liebe und Geld betrogen worden. Sie könnten Verbündete sein.

In dieser unerwarteten Stimmung trat Jana auf Dana-Maya zu und murmelte: «Es tut mir leid. Es tut mir wirklich, wirklich leid. Bitte glaube mir: Ich habe mit all seinen Geschichten nichts zu tun. Wir sind beide betrogen worden – das weißt du doch!» Jana versuchte, Dana-Maya zu drücken. Nur einen Bruchteil von Sekunden ließ die emotional geplagte Künstlerin diese Beinahe-Umarmung zu. Erstaunt über Janas Zugewandheit ihr gegenüber sagte sie tonlos und schwach: «Lass uns irgendwann darüber reden» – und ging.

Der heutige Gerichtstermin war vorüber. Thorsten empfing Jana mit offenen Armen und drückte sie an sich. Tränen traten ihr in die Augen. Sie erklärte: «Dana-Maya tut mir so leid. Kannst du dir vorstellen, wie sie sich gefühlt haben muss, als ich eben x Mal sagen musste, dass sie für uns nur Kundin war? Wie muss das wehtun, wenn man gelaubt hat, Geliebte und Freundin zu sein!? Betrogen auf allen Gefühlesebenen …»

Thorsten drückte sie und forderte Jana auf: «Komm, lass uns gehen. Raus hier!» Eingehakt gingen die Zwei die langen Flure entlang und traten durch eine der schweren Türen hinaus in die Frühlingssonne. Thorsten zündete sich eine Zigarette an. Jana lehnte ab. «Ich rauche nicht mehr! Warum nun bin ich eigentlich als Zeuge geladen gewesen?» «Es ist halt elementar wichtig, ob Dana-Maya eine privat oder geschäftlich Bekannte von mir war. Es geht um Täuschung, Ausnutzung von irgendwas …», meinte Thorsten und lenkte dann vom Thema ab. «Wie geht es dir?»

Jana schüttelte sich wie ein nasser Hund, der gerade ins Warme eingelassen worden war. Sie wollte loswerden, was sie eben so berührt hatte. Sie wollte loswerden, was sie an die Vergangenheit erinnerte. «Eigentlich gut. Ist natürlich anstrengend so mit Firma und Kind allein … Ich hatte einige gute Geschäftsjahre. Die letzten 2 Jahre waren allerdings nicht mehr so pricklend. Meine Rücklagen aus den guten Jahren werden deutlich weniger», sagte sie.

Thorsten sog tief an seiner Zigarette und blickte Jana fest in die Augen. «Und gibt es einen neuen Mann in Deinem Leben?» Jana schüttelte den Kopf. «Nein, ganz sicher nicht! Wozu auch? Mir geht es ohne besser!» Thorstens rechter Mundwinkel zuckte und ein Hauch von Trübsaal tauchte in seinen Augen auf. Er drückte die gut aussehende alte Freundin kurz an sich und erklärte: «Du bist zu schade, um ewig allein zu sein. Viel zu schade!» und rannte los. Er rief noch: «Ich muss in die Firma!» – und verschwand.

Jana stand da, im Sonnenlicht vor dem Gerichtsgebäude, erinnerte sich an Stefano, den Pfau, den Löwen, den Alligator und die anderen Wesen, die seinen ungreifbaren Charakter verkörperten, und fragte sich, wie sie in diese Geschichte hineingeraten war. Tja, wie? Jana lief vom Gerichtsgebäude zurück zum Auto und fragte sich, ob die Langeweile daran schuld gewesen war?

Jahre vorher hatte sie auf einem 300-Seelendorf festgesessen. Nichts, rein Garnichts trieb dort die Menschen um; außer dem Wind, der die Dächer zu heben schien und um die Ecken jaulte. Das Dorf lag erhöht, rund 45 Meter über Normalnull des Meeresspiegels. Ein Durchgangsdorf im Nichts. Nichts außer einem Zigarettenautomaten. Bei klarer Sicht konnten die Dorfbewohner weit über die Felder sehen und die Kirchtürme der nächstgrößeren Stadt erkennen. Bei klarer Sicht. Doch Jana erinnerte sich, wie damals nichts mehr klar gewesen war für sie – bevor die Geschichte ihren Lauf nahm. Unzufrieden mit sich und der Welt hatte sie ihr langweilig gewordenes Leben infrage gestellt.

Jana lebte damals mit ihrem Freund Alex zusammen. Er war ein netter Typ, aber … Nett. Nett ist auf Dauer einfach langweilig. Die einzige Herausforderung und Abwechslung erlebte Jana durch ihre junge Firma. Mit Freude und Leistungswillen hatte sie sich 1 Jahr zuvor selbstständig gemacht. Sie arbeitete mit dem Freiberufler Achim, einem großartigen, hochintelligenten, aber chaotischen Grafiker um die 40 und Eric, einem talentierten, aber nur in Nullen und Einsen denkenden Programmierer. Den 17jährigen bildete Jana seit Kurzem zum IT-Systemkaufmann aus. Programmieren konnte Eric schon vorher; seine Ausbilderin brachte ihm das betriebswirtschaftliche Denken und Dinge wie Struktur und Organisation bei. Gleiches galt für Achim. Dem fehlte auch Struktur in seinem Leben … Und Jana? Jana war einfach ein Mensch voller Ideen und legte einfach los – ohne großartig nachzudenken oder zu planen. Sie war ein wissbegieriges Wesen, das Abwechslung und Input fürs Hirn brauchte. Neues für den Kopf. Doch außer dem Firmenaufbau hatte sie keine spannenden Zukunftspläne. Deshalb wartete Jana damals, nicht ganz unbewusst, auf den Zeitpunkt, der alles verändern würde.

Der Verkehr rauschte an Jana vorbei. Immer noch saß sie im Auto beim Gerichtsgebäude und hing ihren Gedanken nach. Sie steckte den Autoschlüssel ins Schloss und startete den Motor. Nie würde sie den ersten Tag vergessen! Den Tag, als sie Stefano zum ersten Mal traf – am hamburger Hafen.

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Feuchtigkeit verdunstete und stieg den Himmel hinauf. Wie warmer Tee schwebte dieser Dunst über der Elbe und tauchte den Hafen in samtiges Licht. Riesige Schiffe liefen ein. Die ersten Sonnenstrahlen seit Wochen streiften den Horizont. Vom Fischmarkt aus waren Brücken, Kräne und Schiffbauanlagen zu sehen – Arbeiter schufteten auf der anderen Seite. Doch hier auf dem Platz am Hafen bummelten die Pärchen über das Kopfsteinpflaster und wollten von der großen weiten Welt nichts wissen. Sie schienen sich selbst genug zu sein.

In einer der Bars am Fischmarkt saßen vier Gäste dicht an der offenen Fensterfront mit Blick aus Wasser: zwei Frauen und zwei Männer. Delia, eine portugiesische Rassefrau mit Aristokratennase; ein jungenhafter Typ mit babyrosa Hemd: Alex. Und Jana, eine mädchenhafte Gestalt mit blonder Mähne und der Typ, den sie anstarrte. Stefano. Ein Schönling mit schwarzen Haaren.

Jana hörte den Anderen beim Gespräch kaum zu. Sondern sah ihn an. Beobachtete ihn. Versuchte seinen Blick festzuhalten. Nur wirkte dieser Blick aus seinen dunklen, tiefgründigen Augen unstet. Unbeständig und ruhelos.

Delia hatte Jana nachmittags angerufen: «Erinnerst Du dich noch an den Lover, den ich in Düsseldorf mal hatte? Diesen Stefano? Der kommt mich heute nach Jahren besuchen – frag mich nicht, warum. Kannst du mitkommen? Ich will nicht mit ihm alleine sein!»

«Aha. Und warum nicht?“ „Weiß nicht so genau, fühle mich einfach unwohl dabei. Vielleicht, weil ich nicht weiß, was er nach all den Jahren will.“ Jana verstand. „Klar unterstütze ich dich. Wenn Alex keine Lust haben sollte – womit ich ja wie immer rechnen muss – komme ich eben allein». Nun: Alex hatte keine Lust, war aber maulend mitgekommen. Hier saßen sie jetzt und Jana war durcheinander wie eine Pubertierende, die das erste Mal einen Mann faszinierend fand. Der schwarzhaarige Adonis fesselte sie. Wie gebannt saß Jana da und versuchte ihre Gefühle zu verstecken. Doch gnadenlos brachen die Hormone aus … Ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen glasig – ja, sie wirkte fast krank. Fieberhaft.

Jana träumte vor sich hin. Sie träumte, dass dieser schöne Mann ihr folgen würde. Wenn sie zum WC ging, die Treppe hinunter, heimlich. Sie küssen und ihr dabei tief in die Augen sehen würde.  Jana zog ihre Jacke aus – ihr war warm. Ein Blinder konnte sehen, das ihr Gesicht rötlich glühte. Sie streifte Strähnen ihres taillenlangen Haares ins Gesicht und versteckte sich dahinter.  Die anderen drei unterhielten sich, Jana wusste eigentlich garnicht worüber. Sie hörte nicht zu, sagte nichts. Saß nur da und beobachtete Stefano.

Plötzlich stand sie auf, sagte: „Ich muss mal wohin!“ und lief über eine Treppe ins alte Kellergewölbe hinunter. Dabei trug sie weiter die Illusion mit sich, dass ihr neuer Hero ihr auf dem Rückweg entgegen kommen und die Chance ergreifen würde. Er würde sie bestimmt packen, wie Richard Gere lächelnd, ihr die Haare aus dem Gesicht streifen und zärtlich küssen.

Tat er aber nicht.

Als Jana von ihrem Toillettenbesuch an den Tisch zurückkehrte, hielt sie es nicht mehr aus! Luft, Luft, Luft! Jana bat um Aufbruch. Und Stefano änderte seine Pläne. „Ich fahre doch zurück nachhause. Ich muss, tut mir leid.“ Delia schüttelte ihren dunkelbraunen Wuschelkopf. „Du alles gut. Bei mir ist eh zuwenig Platz in der Wohnung für Gäste!“ Delia wirkte erleichtert. Jana enttäuscht. Alex reichte Stefano die Hand und verabschiedete sich als Erster. Dann lief er los, um sein Auto zu holen. Delia umarmte Stefano zum Abschied. Jana stand hinter ihr und sah seinen Blick, der auf sie gerichtet war. Seine Augen brannten wie heiße Kohlen. Verheißungsvoll aber auch gefährlich – was hatte er schon alles erlebt? Sein Blick brannte sich wie ein glühender Funkenregen in Janas Hirn und verwirrte sie zutiefst. Wer oder was versteckte sich dahinter? Was für Geheimnisse lagen darin verborgen? Stefano berührte sie zutiefst.

Doch flüchtig wie ein Blitz war der spannungsgeladene Moment vorüber, als Delia einen Schritt zurücktrat und ihm noch „Gute Fahrt!“ wünschte. Stefano rief Jana ein einfaches «Tschüss» zu, ging, stieg in seinen BMW und raste aus dem Hafenviertel. Jana und Delia blickten ihm hinterher. „Was war denn das jetzt? Hast du seinen Blick gesehen?“, fragte Jana ihre Freundin. Delia antwortete: „Du ja, den Blick kenne ich. Hat ja seinen Grund, dass er mich damals rumbekommen hat!“ Jana lächelte schief. So blickte er also alle Frauen an?

Ein Autofahrer hupte. Jana war so tief in ihren Erinnerungen versunken, dass sie das Umspringen der Ampel auf Grün nicht bemerkte. Verwirrt setzte sie den Fuß aufs Gaspedal und gab Gas. Aber: Der Großstadtverkehr floss träge dahin. Sie kam nicht weit. Stop-and-Go. Zeit zum Telefonieren …  «Hi, ich bin es. Jana», eröffnete sie das Gespräch. «Na, wie war es?», fragte Delia. «Überraschend. Schmerzvoll. Dana-Maya tut mir echt leid! Der Richter hat mich immer wieder gefragt, ob sie uns allen als Privatperson oder als Geschäftsfrau vorgestellt wurde», erzählte Jana. «Na, als Kundin!» rief Delia.

«Mmm. Und das immer wieder zu hören, muss echt fies für sie gewesen sein. Sag einmal: Hast du Stefano damals eigentlich gesteckt, dass ich ihn leiden mochte? Damals nach dem Abend am Hafen?» Delia räusperte sich. «Du meinst, als er mich besuchte und wir uns zu viert getroffen haben? Jaaa … Aber nur angedeutet.» «Wusste ich es doch! Warum hätte er mich damals sonst anrufen sollen?», fragte Jana. Stefano hatte sie ein paar Tage nach dem Hafenabend von sich aus angerufen.

Jana sagte: «Er hat mich damals x-mal angerufen und mir ständig E-Mails geschrieben. Und dann irgendwann gefragt, ob ich ihn vom Flughafen abholen kann.» Delia antwortete mit kläglichem Ton in der Stimme: «Ja, ich weiß. Ich fühle mich ganz schlecht. Ich hätte ihn dir niemals vorstellen dürfen. Alles ist meine Schuld!» «Na ja – ich bin ja selbst auf ihn reingefallen. Aber bitte stelle mir besser nie wieder einen Mann vor», sagte Jana schief lächlend und fragte sich: ‚War Stefano damals wirklich so umwerfend gewesen?‘

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