Damals im August: Jana brauste in ihrem maisgelben 30 Jahre alten VW-Käfer zu ihrem ungewissen Date. Diesem Treffen, dem sie mit gemischten Gefühlen entgegen sah. Stefano, der Düsseldorfer, der unverschämt gut aussehende Typ, der neulich am Hafen ihren Gefühlshaushalt durcheinandergebracht hatte, erwartete sie am Flughafen. Als Chauffeur sozusagen und sachlich betrachtet, als Zeitvertreib bis zu seinem Termin. Er hätte sich ja auch ein Taxi nehmen können … Jana strich ihr langes blondes Haar, das durch das offene Fenster wehte, aus ihrem Gesicht und setzte den Blinker.

Der Stau vor der letzten Kreuzung löste sich auf und Jana bog rechts ab. Sie fuhr die Flughafenzufahrt entlang, an den Terminals vorbei, Richtung Parkplatz und stellte den Käfer dort ab. Sie stieg aus. Gespannt auf den magischen Augenblick des Wiedersehens, zupfte sie nervös an ihrem Kleid. Einem schlichten Baumwoll-Sommerkleid in Dunkelgrün.

Es war genau zehn Uhr. Jana lief vom Parkplatz Richtung Terminal 1. Stefano kam ihr schon entgegen, wiegte sich dabei im Schritt von links nach rechts. Es sah fast so aus, als hätte er Schmerzen. Jana beobachtete ihn genau. Merkwürdigerweise schlug ihr Herz nicht schneller, als er schließlich vor ihr stand. Stefano schaute sie unsicher wirkend an, beinahe ängstlich. Als könnte es gefährlich werden. Dabei war Jana, die typisch Norddeutsche sicherlich harmlos, viel zu offen und ehrlich, als dass sie irgendwie gefährlich sein könnte. „Hey, wie war der Flug?“ fragte sie ihn und blieb einfach vor ihm stehen.

„Du, wie immer: Zu warm und zu eng. Business-Class war ausgebucht und ich saß in der Economy-Class neben einem weniger gepflegten dicken Typen!“ „Lohnt sich, auf der kurzen Strecke Business-Class zu bezahlen?“ fragte Jana. Bodenständig, wie sie war, klang das für sie nach unnötigem Luxus für eine Kurzstrecke innerhalb Deutschlands. „Als Unternehmensberater leiste ich mir diesen Luxus gerne. Man muss sich ja auch mal entspannen können“, meinte Stefano und ging weiter. „Wo steht dein Auto?“ Jana hob den Arm und zeigte in die Richtung ihres Käfers, dessen gelber Lack im Sonnenlicht leuchtete. Stefano hielt im Schritt inne und gucke Jana mit gekrausten Augenbrauen an. «Du fährst einen Käfer?» Jana nickte. «Ja, wieso?» «Nun, so als Geschäftsfrau … Da hätte ich doch was anderes erwartet», deutete er an. «Ja, ich fahre ihn gerne und aus Marketingsicht betrachtet, ist er goldrichtig! Denn er hat als Oldtimer einen starken Aufmerksamkeitsfaktor und Erinnerungswert … Ist also enorm werbewirksam!», erwiderte Jana dem wenig begeisterten Stefano. Sie blickte auf die Uhr. 10.20 Uhr. Um 17 Uhr sollte sein Termin im Büro von Delia stattfinden. Jana selbst hatte sich zur gleichen Zeit einen Freelancer dorthin bestellt. Bis dahin war noch viel Zeit, die überbrückt werden musste.

„Wollen wir an die Alster fahren? Das ist ein perfektes Ziel für so ein Wetter – 19 Grad. So verregnet, wie der Sommer bisher gewesen ist, kann ich einen Tag im Grünen und vor allem in der Sonne echt brauchen!“ meinte Jana. Stefano nickt. „Ja klar, können wir machen!“ Sie stiegen ins Auto und parkten eine gute halbe Stunde später an der Binnenalster, gingen ein Stück spazieren und suchten sich dann einen Platz auf der grünen Wiese.

Stefano und Jana setzten sich nebeneinander. Ein alter Mann auf Krücken humpelte zitternd vor Altersschwäche, aber gut gelaunt, an ihnen vorbei. „Hübsches Paar, hübsches Paar!“ murmelte er grinsend und zottelte unaufhaltsam weiter. Stefano meinte: „Na, der hat ja Fantasien!“ Hatte er? „Also rein äußerlich passen wir doch ganz gut zusammen“, meinte Jana etwas verlegen, lenkte dann schnell von dem Thema ab. Er war dunkelhaarig, sie blond.

Da die beiden nebeneinandersaßen, fehlt der direkte Blickkontakt. Ihre Augen schweiften über das Grün und die Binnenalster. Sie unterhielten sich über dies und das. Aber so richtig fließend lief ihr Gespräch nicht. Stefano wirkte unruhig und nervös. Irgendwann platzte er mit einer Frage raus, die mit dem Thema davor nichts zu tun hatte: «Wie viel Umsatz machst Du so?», fragte er. Jana antwortete irritiert: «Ach, das ist sehr unterschiedlich. Auf jeden Fall kann ich davon leben!» «5-stellig, 6-stellig?», hakte er nach. «Na, das wäre ja toll! Nein, 4-stellig», meinte Jana. «Mein Geschäftsmodell ist ja so neu – da bin ich froh, dass es überhaupt funktioniert. Und was machst du geschäftlich genau?»

«Ich bin Unternehmensberater und betreibe zudem einen Großhandel. Der läuft gut!», erklärte Stefano in einem Ton, der sachlich aber nicht begeistert klang. Jana fragte nicht weiter nach, denn eigentlich passte dieser Gesprächsgegenstand nicht zu ihrer sonnigen Stimmung. Stefano rückte näher an Jana heran und strich ihr wie zufällig mit einem Finger übers Schienbein. «Wau, rasierte Beine. Welch ein Glück!», stellte er fest. Jana schüttelte den Kopf. «Bist du irgendwie liiert? Verheiratet?», fragte sie ihn anstatt seine Bemerkung zu kommentieren. Stefanos Mundwinkel zuckten nervös. Er blickte zu Boden und murmelte: «Meine Frau und ich haben uns vor ein paar Monaten getrennt. Ich wohne zurzeit bei meinen Eltern.» Jana holte tief Luft und schien, ein wenig leichter zu werden. „Bei deinen Eltern? Und warum habt ihr euch getrennt?“, fragte sie. „Ach ja, warum? Wir haben uns wohl zu früh kennengelernt und nun in andere Richtungen weiterentwickelt. Ich bin immer unterwegs, weltweit und sie macht eigentlich garnichts mehr, interessiert sich für nichts. Wir passen einfach nicht mehr zusammen. Die Liebe ist verraucht.“

Jana hörte einen leisen Vorwurf in seiner Stimme. Als sie im Ansatz die nächste Frage formulieren wollte, stand Stefano auf.  „Ich kann nicht mehr stillsitzen. Wollen wir was anderes machen? Einen Kaffee trinken gehen?“ „Ja, können wir machen!“ meinte Jana und stand auf. Sie hätte gerne noch viel länger in der Sonne gesessen. Es war so schön heute! Die beiden gingen in das nächste Café mit Blick aufs Wasser und setzten sich an einen Tisch. Ein richtiges Café war das eigentlich nicht; mehr Bretterbude mit einfachen Tischen und Stühlen davor. Die Kellnerin kam sofort – eine hübsche, dunkelhaarige Studentin. Stefan sah sie an. Sie sah ihn an und wurde rot! Im ersten Moment verlegen, wurde sie im nächsten cool und blickte ihn ein wenig arrogant an. Für sie musste er alt sein … Stefano fing leicht an zu schielen und wirkte plötzlich wie ein kleiner Junge.

Jana war überrascht – mochte Stefano die deutlich jüngere Frau, fast noch ein Mädchen, leiden? Angefressen bestellte sie, was sie haben wollte. Stefano sagte nur „Kaffee! Viel!“. „Also einen Pott?“ fragte die Studentin. Der Gefragte nickte. Die Kellnerin ging und Stefano nahm den letzten Gesprächfaden von Jana wieder auf. Wie bei einem Bumerang landeten sie immer wieder bei geschäftlichen Themen. Fragen nach seinem Privatleben, Familie, Freizeit, etc beantwortete Stefano entweder garnichts oder ausweichend. Fast so, als hätte er kein Privatleben.

Die Temperaturen stiegen. Jana aß noch ein Eis. Immer mehr Menschen strebten ins Freie, viele hatten aufgrund des selten guten Wetters früher Feierabend gemacht. Überall saßen die Leute, viele im Schatten, weil die Luft zunehmend stickiger wurde. Irgendwann blickte Stefano auf seine Armbanduhr und meinte: „Es ist fast 16 Uhr. Müssen wir nicht langsam los?“ „Ja, so langsam. Weit es aber nicht, das schaffen wir locker!“ Stefano legte Bargeld auf dem Tisch und rief der Kellnerin „Stimmt so!“ hinterher. Janas Mundwinkel zuckten.

Die beiden gingen zum Auto, welches lange in der Sonne gestanden hatte. Sie stiegen ein, es war heiß dadrinnen. Bevor Jana Gas gab und losfuhr, betrachte sie Stefano von der Seite. Ihn, den charmanten Unternehmensberater: Volle dunkle Haare, Dreitagebart, feine Gesichtszüge, prägnante Augen. Etwas Schüchternes, Wirres, Unstetes im Blick – was verbarg sich dahinter? Was vorhin am Flughafen ausgeblieben war, passierte jetzt. Janas Herz schlug mit einem Mal schneller. Stefano saß auf dem Beifahrersitz und roch so gut: Holzig bis erdig, balsamisch-warm, wie eine sinnliche Substanz. Sein angenehmer Körpergeruch strömte Jana entgegen. Diesen Duft sog sie ein. Den Duft, der sie verführte. Stefano blickte sie verwirrt an und wendete sich ihr zu. Rinnsale von Schweiß liefen an dem bildschönen Gesicht herunter; es näherte sich Jana und küßte sie zum ersten Mal. Hier, mitten in der Großstadt, auf einem Parkplatz, im heißen VW.

Doch der Moment war schnell vorüber, weil jemand hupte, der den Parkplatz haben wollte. Jana gab Gas und fuhr innerhalb weniger Minuten zu Delias Büro. Dieses lag in einem Hinterhof, in dem sich die aufgeheizte nachmittägliche Sommerluft unerträglich staute. Delia kam ihnen entgegen. „Ich habe auf euch gewartet. Hier ist der Schlüssel. Ich muss schnell nochmal weg. Bis nachher!“ Sie stieg in ihr Auto, ohne eine Antwort abzuwarten und fuhr vom Hof.

In dem Souterrain-Büro war es angenehm kühl. Weil der Kontrast zu groß war, öffnete Jana mehrere Fenster und lies die Sommersonne rein. „Arbeitest du hier?“, fragte Stefano. „Nein, nicht wirklich. Nur ganz selten nutze ich halt Delias Büro, um mich mit Hamburger Geschäftspartnern zu treffen. Wirklich selten. Der Weg ist weit von meinem Dorf hierher …“ meinte Jana. „Möchtest du auch was trinken?“ Sie ging in den kleinen Nebenraum, der auch als Kaffeeküche diente. Stefano nickte und folgte ihr. Jana öffnete den Kühlschrank und schaute, was es für kaltgestellte Getränke gab. Stefano drückte sich von hinten an sie ran. Irritiert schloss Jana die Kühlschranktür und drehte sich zu ihm um. Mit hochgezogener Augenbraue blickte sie ihn an. Doch Zeit zum Reagieren hatte sie nicht. Stefano packte sie an der Hüfte und ob sie hoch auf den Kopierer, der danebenstand.

„Was wird denn das?“ fragte sie gereizt, als er ihr sofort das Kleid hochschob und sie küssen wollte. Vielleicht war sie zu sehr Landpomeranze, zu prüde … „Wir haben doch noch Zeit!“, behauptete Stefano. „Zeit wofür? Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich mit dir hier eine 5-Minuten-Nummer durchziehe! Vergiss es!“, schimpfte sie und schob Stefano weg. „Wofür hältst du mich?“ Jana war sauer, sprang von dem Kopierer und ging in den großen Büroraum. Stefano folgte ihr mit trotzigem Gesichtsausdruck. Zum Glück ging die Tür auf und Delias Liebhaber und Arbeitskollege André kam rein.

Die terminierten Leute folgten nach und nach. Die geschäftlichen Gespräche wurden geführt und eineinhalb Stunden später verließen sie zu fünft gemeinsam das Büro. Draußen, auf dem Hinterhof, war es massiv stickig und heiß. Trotzdem lief noch ein „Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot“-Gespräch …

«Was für ein Auto fährst du?», fragte André und strich mit der Hand über den kochendheißen Lack von seinem Firmenwagen, um den Staub abzuwischen. Stefano nickte und antwortete stolz: «Einen BMW Z3. Bar bezahlt!» «Echt bar bezahlt?», erkundigte sich Delia. «Dann müssen Deine Geschäfte ja gut laufen. Ich musste mein Auto finanzieren!» Schulterzuckend erwiderte Stefano gelassen: «Ja nun …» «Womit verdienst Du Dein Geld?», wollte der Freelancer wissen, der mit Jana einen Termin gehabt hatte. Stefano antwortete zurückhaltend: «Ich habe einen Maschinen- und Werkzeughandel, mit mehreren Niederlassungen in Deutschland.»

André war begeistert. «Cool man. Hört sich ja so an, als wenn du richtig erfolgreich bist!» «Ja …», erwiderte Stefano leise mit einer Spur von Understatement in der Stimme. «Ich fahre übrigens Richtung Norden und komme am Flughafen vorbei», säuselte Andre. «Soll ich dich mitnehmen? Dann muss Jana nicht extra einen Umweg fahren.»  Stefano nickte. «Klar, warum nicht?» Jana war über diese Zusagen enttäuscht, aber auch froh. Denn der Umweg war für sie wirklich groß. Der Freelancer schulterte seinen Rucksack, schloss sein Fahrrad ab und verabschiedete sich. Delia drückte Jana zum Abschied. Stefano schaute sie kurz verlegen an, fragte: „Wir telefonieren?“ und stieg dann zu Andre ins Auto. Der öffnete das Verdeck, drehte die Musik auf und fuhr fröhlich winkend mit Stefano davon. Delia und Jana sagten fast gleichzeitig „Männer“ und machten sich dann selbst auf den Weg. Der Tag vorbei. Doch Stefanos Duft wirkte nachhaltig – er hing in Janas VW fest.

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