00 – Prolog: eine IIlusion
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Chamäleons sind Verwandlungskünstler. Multiple Persönlichkeiten. Menschen, die sich der jeweiligen Situation anpassen können, wenn sie müssen – oder wollen.
Nicole spürte, was er damals gespürt hatte. Sah, wie der verführerische Kater sich in einen prächtigen Pfau verwandelte, der im Licht der Bewunderung glänzte und sich präsentierte. Spürte, wie der schöne Pfau plötzlich sein tägliches Drama als solches erkannte – mit den Weibchen, die doch nicht immer taten, was er wollte.
Sie fühlte, wie er fühlte, dass der Boden unter seinen Füßen auseinanderdriftete. Da stand er unerwartet im Wüstensand, der unter ihm davonglitt. Da stand er nun und wusste nicht, wie er sich retten sollte.
Außer mit Lügen und Täuschungen. Nicole sah, wie sich nunmehr ein Alligator, der nach Futter lechzte, aufrichtete. Sie sah, wie der Alligator das Wesen des Pfaus verdrängte und seine Seele unterdrückte, um selbst hervorzutreten und handeln zu können. Eine schuppige, starke Haut breitete sich aus. Stefano, eben noch schön und anmutig, zeigte jetzt seine naturgewaltige Seite. Stefano war jetzt Alligator. Ruhig und besonnen.
Im richtigen Moment würde er zuschnappen.
Aber dann erinnerte Nicole sich wieder an die kleine Maus, die er mal gewesen war. An das zarte unschuldige Wesen, welches versuchte, sich vor seinem Peiniger in Sicherheit zu bringen. Versuchte, nicht schon wieder in seine Fänge zu geraten. Versuchte, dem Unheil zu entkommen. Es trippelte auf leisen Pfoten um die Ecke und machte sich dabei klein und unauffällig – doch es nutzte nichts. Es wurde gerochen und gejagt.
Der Jäger schnappte sich die kleine Maus und machte sich über sie her. Angst. Angst. Angst. Ihre Seele kämpfte um ihr Heil – und wurde verdrängt. Doch von wem? Dem Alligator? Dem Pfau? Nein, dieses Mal war es ein großer, starker Löwe. Mit ausladenden Sprüngen preschte er heran und warf sich auf den Peiniger der Maus; brüllte aus weit aufgerissenem Maul, presste seine Krallen auf die Brust des Peinigers und drückte ihn zu Boden.
Die kleine Maus konnte flüchten.
Das zarte Geschöpf rannte und rannte und rannte. Es schüttelte sich, versuchte zu vergessen, was der Peiniger ihr schon so oft angetan hatte. Es weinte. Es schluchzte. Es sträubte sich gegen den Schmerz – und bäumte sich auf. Wuchs. Wurde größer. So groß wie eine Hyäne, die dreckiger sein wollte als alle Peiniger der Welt. Die über Leichen gehen würde, wenn man sie nur ließ. Die sich vornahm, es allen zu zeigen.
Welches davon war Stefanos wahres Wesen?
> Weiterlesen …01 – Gerichtstermin
Foto von Regan Dsouza: https://www.pexels.com/de-de/foto/grunes-chamaleon-balanciert-auf-einem-dunnen-ast-33216837/



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