01 – Gerichtstermin
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Nicole zwinkerte und schüttelte verwirrt den Kopf. Dieser Tagtraum von Stefano machte sie ganz kirre. Er zeigte eine Illusion seines Wesens, die sie zugleich faszinierte und erschreckte.
Sie saß an ihrem halbrunden Schreibtisch, als Sunny, ihre Katze, mit einem eleganten Satz heraufsprang. Demonstrativ legte sie sich quer über die Briefe, die zur Bearbeitung bereitlagen. Nicole schimpfte halbherzig, schob den Vierbeiner zur Seite – doch Sunny ließ nicht locker. Mit einem leisen Mauzen kletterte sie auf ihren Brustkorb, schob den Kopf unter ihr Kinn und drückte das weiche Fell gegen sie. Eine eindeutige Aufforderung zum Kuscheln. Seufzend gab Nicole nach.
Während sie ihre Katze streichelte glitt ihr Blick hinaus in den Garten. Die große Terrassentür stand weit auf. Frische Luft wehte herein, trug das Rascheln der Blätter und den Duft von feuchtem Gras mit sich. Eigentlich war Nicole im Stress; hatte im Büro viel zu tun und – musste endlich Thorsten erreichen.
Nach einer Weile setzte sie die Katze entschlossen auf den Boden, strich ihr noch einmal über den Rücken – und griff nach dem Telefonhörer. Ihre Finger zögerten nur einen Herzschlag lang, dann wählte sie Thorstens Nummer. Sechs, sieben Mal klingelte das Telefon. Dann endlich – ein Klicken. Er nahm ab. Stefanos Schatten wich. Thorstens Stimme zog sie zurück in die Gegenwart.
Mit: «Hey Kleine!» begrüßte er sie.
Nicole wischte die Vorladung des Gerichts vor sich glatt und sagte: «Na Du! Sag einmal … Ich soll in wenigen Tagen als Zeuge vor Gericht aussagen – für dich. Langsam wird es Zeit, dass du mich aufklärst!»
«Sie hat uns verklagt!», erklärte Thorsten kurz und knapp.
«Ja, das kann ich der Vorladung entnehmen. Dana-Maya … Aber warum? Wieso? Und was kann ich schon dazu sagen? Ich weiß ja gar nicht, worum es geht!», meinte Nicole.
«Du, das muss ich Dir später erklären; habe jetzt einen Termin! Ich melde mich später bei dir», versprach Thorsten und legte auf.
Tat er aber nicht.
Er meldete sich weder am gleichen Tag noch am nächsten. Rief Nicole erneut an, ging er nicht ran. Doch sie wüsste gerne Genaueres über die Klage, die Dana-Maya gegen ihren langjährigen, guten Freund Thorsten eingereicht hatte!
Jetzt war Montagmorgen – der Tag – und sie musste ahnungslos vorm Gericht aussagen?
Mal wieder wählte sie Thorstens Handynummer. Seine Mailbox lief. Nicole drückte die Taste zum Auflegen, trank ihren Kaffee aus und zog ihren Blazer über. Der Stoff kratzte am Hals; sie rückte alles ordentlich zurecht, verließ das Büro und fuhr mit dem Auto in die Hamburger Innenstadt.
Nicole brauchte eine gute halbe Stunde und fand im Holstenwall direkt einen Parkplatz. Sie stieg aus, besorgte sich ein Parkticket, klemmte es hinter die Windschutzscheibe und machte sich auf den Fußweg. Im Park vorm Gericht blühten die ersten Bäume. Das liebliche Grün stand im grellen Kontrast zu dem, weswegen sie hier war: einer gerichtlichen Auseinandersetzung.
Das Hamburger Landgericht lag im Zentrum der Stadt am Sieveking Platz. Zivil- und Strafjustizgebäude mit Anbauten, die Untersuchungshaftanstalt und das denkmalgeschützte Oberlandesgericht bildeten ein anmutiges Ensemble. Fassaden aus grauem Stein, welche in der Frühjahrssonne nur matt glänzten und Türme, die wie Wächter darauf standen. Nicole fühlte sich winzig und machtlos – wie eine Schachfigur, die ein unsichtbarer Spieler gleich über das Brett stoßen würde.
Aufgeregt trat Nicole durch eine der doppelseitigen Riesentüren ins Gebäude. War es Eisen? Stahl? Alte deutsche Eiche? Die Tür schloss sich dumpf hinter ihr und verschluckte jedes Geräusch von draußen. Das Innere roch nach kaltem Stein und jahrzehntelangem Papierstaub. Ihre Schritte hallten von den Mauern zurück – wie Stimmen, die längst ein Urteil flüsterten.
Treppen führten in alle Richtungen. Das Gebäude wirkte wie ein geschlossenes E – drei Arme und zwei verbindende Längsteile, die sich ins Unendliche zu ziehen schienen. Nicole lief und lief – und verfluchte ihre Pumps. Erst nach zwanzig Minuten stand sie endlich vor dem richtigen Gerichtssaal.
Und was jetzt? Eintreten? Warten? Es stand keiner vor der Tür. Also waren die Beteiligten drinnen? Auf dem austauschbaren Schildchen neben der Tür stand, um welche Strafsache es ging. Nicole klopfte, trat ein und stellte sich vor. Der Richter, freundlich, aber unnahbar, bat sie, noch einen Moment zu warten. Am Ende des Flures gäbe es einen Wartebereich.
Nicole ging dorthin. Zwei Männer liefen wortlos im Kreis, wie Löwen im Käfig. Sie gesellte sich zu ihnen.
«Guten Morgen! Bist Du nicht einer von Thorstens Mitarbeitern?», fragte sie den einen.
Der nickte. «Ja, stimmt. Du bist Stefanos Ex-Frau, oder?»
Nicole stimmte zu. «Weißt du, worum es hier heute geht?»
«Ja und nein. Thorsten und Stefano haben Frau Edel vor einigen Jahren ein paar Wohnungen verkauft. Als Anlagevermögen. Und jetzt meint die Käuferin, sie wäre betrogen worden. Aber mehr weiß ich auch nicht», erzählte der 28jährige Immobilienverkäufer.
Nicole erwiderte: «Ich weiß überhaupt nicht, was ich hier soll. Mit der ganzen Sache hatte ich nichts zu tun.»
Der junge Mann zuckte mit den Schultern, dann wurde er aufgerufen. Nicole schaute aus dem Fenster. Die Mauern wirkten wie Bollwerke, und die tiefe, steinerne Fensterbank war so breit, dass sie sich darauf niederlassen konnte.
Warten. Warten. Warten.
Der Sekundenzeiger der alten, riesigen Uhr im Flur tickte lauter, als er sollte. Jeder Schlag fühlte sich an wie eine Wiederholung: Du weißt nichts. Was sollst du hier? Nicole rieb Daumen und Zeigefinger, als wolle sie Klebstoff lösen. Sie wurde immer unruhiger, suchte hin und wieder Blickkontakt zu den anderen Wartenden. Doch niemand schien ein Gespräch zu wollen – vielleicht waren alle genauso angespannt wie sie?
Eine Viertelstunde später wurde Nicole endlich aufgerufen. Ihr Puls sprang hoch; ihr Herz schlug schnell. Fast überdreht trat sie in den Gerichtssaal.
Der Richter saß mittig am großen Pult, unbeweglich wie eine Statue. Links, direkt an der Tür, Thorsten mit seinem Anwalt. Rechts am Fenster Dana-Maya mit ihrem Rechtsbeistand. Die ungefähr vierzig Jahre alte Frau blickte die Eintretende nicht an. In ihrer Hand hielt sie ein zerknittertes Taschentuch.
Thorsten sagte: «Hey Nicole!» – und der Richter bat sie, in der Mitte direkt vor ihm, Platz zu nehmen. Zwischen den Parteien.
«Bitte nennen Sie uns Ihren vollständigen Namen und Anschrift für das Protokoll.» Nicole tat es.
«Woher kennen Sie den Angeklagten?»
«Thorsten Bender und ich haben uns vor ungefähr 20 Jahren beruflich kennengelernt. Seitdem sind wir befreundet.»
«Und in welchem Verhältnis stehen Sie heute zueinander?»
«Seine Frau, mein Ex-Mann und ich waren viele Jahre lang sehr gute Freunde. Mein Ex-Mann hatte darüber hinaus geschäftlich mit ihm zu tun.»
Der Richter blickte zu Dana-Maya. «Sie kennen die Klägerin? Frau Edel? In welchem Verhältnis stehen Sie zu ihr?»
Nicole zögerte – wie sollte sie darauf antworten? «Sie war unsere Kundin, genauer gesagt eine langjährige Auftraggeberin meines Ex-Mannes gewesen. Ich kenne sie selbst nur wenig.»
«Sind Sie mit ihr privat befreundet?»
«Nein, bin ich nicht.»
«Wie hat Stefano Schwarz Ihnen die Frau vorgestellt?»
«Als Kundin, die betriebswirtschaftliche Beratung braucht. Er hat für sie gearbeitet.»
Der Richter hob eine Braue. «Wie hat er sie Ihnen gegenüber bezeichnet?»
«Als Kundin!» Nicole legte die Hand neben das Mikro, atmete hörbar aus – ein Atem, der mehr Trotz als Ruhe verriet.
Links von ihr nuschelte Thorsten: «Sag ich doch.»
Sein Anwalt übernahm: «Es ist von elementarer Wichtigkeit, dass hier geklärt wird, in welcher Beziehung Dana-Maya Edel zu meinem Mandanten stand. Wie wurde Frau Edel Ihnen und anderen vorgestellt?»
«Als Kundin!», äußerte Nicole nun leicht gereizt. Sie verschränkte die Arme, legte den Kopf leicht schräg und musterte den Anwalt mit letzter Gelassenheit – die ständigen Wiederholungen nervten sie!
Rechts sackte Dana-Maya in sich zusammen. Frage für Frage, Antwort für Antwort, wurde sie kleiner und schmaler. Nicole sah den Schmerz in ihrem Gesicht. Trotz allem tat sie ihr leid.
Der Klägeranwalt fuhr dazwischen: «Sie lügen doch. Ihr Freund da hinten hat Ihnen doch eingeimpft, was Sie hier sagen sollen!»
Nicole warf ihm einen verächtlichen Blick zu, dann wieder zum Richter: «So ein Nonsens. Nachdem ich die Ladung bekommen hatte, versuchte ich Herrn Bender mehrfach telefonisch zu erreichen. Aber er ging nicht ran oder rief nur: ‘Ich rufe zurück! ’ und legte in seiner überaus ‚freundlichen‘ norddeutschen Art auf … gemeldet hat er sich nie. Bis heute nicht.»
Gelächter links, ein Schmunzeln beim Richter. Der Anwalt der Klägerin preschte weiter vor: «Meine Mandantin ist der Meinung, dass Herr Bender seine private Beziehung zu ihr ausgenutzt hat, um ihr die Immobilien aufzuschwatzen.»
Nicole krauste die Stirn. «Wenn hier jemand eine private Beziehung zu ihr hatte, dann mein Ex-Mann. Aber Herr Bender hatte meines Wissens nach nur geschäftlich mit ihr zu tun.»
«Und wie wurde Frau Edel ihm vorgestellt? Als die Freundin von Herrn Schwarz?»
Nicole kreuzte die Arme vor der Brust, fast mitleidig. «Wie bitte? Nein, sie wurde von meinem Ex-Mann immer als Kundin betitelt. Glauben Sie mir: Hätte jemand aus meinem Umfeld sie als seine Freundin kennengelernt, dann wäre ich viel früher geschieden gewesen!»
Thorsten lachte. Dana-Maya traten Tränen in die Augen. Nicole schluckte, senkte kurz den Blick. Der Anwalt rückte seinen Stuhl so, dass er wie ein Schutzschild zwischen beiden Frauen saß.
Der Richter zog Bilanz: «Verstehe ich richtig? Frau Edel wurde Ihrem Wissen nach immer als Kundin bezeichnet? Nicht als private Bekannte?»
Nicole nickte und antwortete unwirsch: «Wie oft soll ich es noch sagen? Sie ist und war für alle in meinem Umfeld eine Kundin, die meinen Ex-Mann als Berater beschäftigte. Laut ihm hat sie von ihren Eltern einen Gewürzgroßhandel geerbt. Und als Künstlerin war sie den betriebswirtschaftlichen Aufgaben wohl nicht gewachsen und brauchte Unterstützung.»
Thorsten atmete hörbar erleichtert auf.
Dana-Mayas Anwalt schnaubte. Seine Mandantin erschauerte unter dem Wasserfall eiskalter Erkenntnisse. Sie war betrogen worden! Von Stefano. Und schlimmer, als sie bisher geahnt hatte. Dana-Maya sackte zusammen, verbarg ihr Gesicht in den Händen und zitterte. Das Taschentuch färbte sich dunkel von ihren Tränen.
Der Richter stellte noch eine Frage, dann entließ er Nicole. Sie ging hinaus.
Im Wartebereich stand nun ein älterer Mann. Weißhaarig, hager, mit dem Gesicht eines Künstlers, den sie von Fotos kannte. Dana-Mayas Ex-Mann, weltweit bekannt.
«Sie sind auch hier? Dass wir uns hier kennenlernen müssen … Ich kann nicht glauben, wohin Stefano uns alle getrieben hat!»
Der Mann trat dicht vor sie, seine Stimme gepresst. Nicole roch Tabak in seiner Jacke. «Er uns? Ihr habt doch alle gemeinsame Sache mit ihm gemacht und Dana-Maya fast in den Ruin getrieben!»
Nicole schluckte schwer. «Nein, niemals. Ich habe von all dem nichts gewusst und ganz sicher niemanden geschädigt. Stefano hat uns alle angelogen. ALLE! Es war sein Spiel. Wir anderen waren nur Statisten darin!»
Die Tür des Saales öffnete sich, alle strömten hinaus. Dana-Maya, tränennass, rang nach Luft. Ihr Anwalt redete auf sie ein. Der Künstler ging rüber und stellte sich schützend an ihre Seite.
Nicole blieb allein zurück. Jahrelang war diese Frau die Geliebte ihres Mannes gewesen – doch anstelle von Groll spürte sie Verbundenheit. Beide hatten dasselbe Leid durchlitten, waren facettenreich hintergangen worden von Stefano, dem Chamäleon und Gigolo. Zwei Frauen, vereint durch denselben Schmerz?
In dieser Stimmung trat Nicole auf Dana-Maya zu, legte ihr eine Hand auf den Arm und murmelte: «Es tut mir leid. Es tut mir wirklich, wirklich leid. Bitte glaube mir: Ich habe mit all seinen Geschichten nichts zu tun. Wir sind beide betrogen worden – das weißt du doch!»
Nur einen Augenblick ließ Dana-Maya die Nähe zu. Dann wandte sie sich ab. «Lass uns irgendwann darüber reden», flüsterte sie – und ging. Doch im Wegdrehen hielt sie inne, sah Nicole zum ersten Mal direkt an: «Ich denke, meine Wahrheit ist für dich genauso schmerzhaft, wie deine für mich.»
Der heutige Gerichtstermin war vorüber. Doch diese Worte hallten nach.
Thorsten ging auf Nicole zu und umarmte sie herzlich.
Sie: «Dana-Maya tut mir so leid. Kannst du dir vorstellen, wie sie sich gefühlt haben muss, als ich immer wieder sagen musste, dass sie für uns nur Kundin war? Wie weh muss das tun, wenn man glaubt, Geliebte und Freundin gewesen zu sein?»
Thorsten zuckte mit den Schultern und schob sie vor sich. «Komm, lass uns gehen. Raus hier!»
Eingehakt gingen sie durch die langen Flure, hinaus durch die schweren Türen in die grelle Frühlingssonne. Thorsten zündete sich eine Zigarette an.
Nicole lehnte ab. «Danke, ich rauche nicht mehr! Warum bin ich eigentlich als Zeugin geladen gewesen? So ganz ist mir das immer noch nicht klar.»
«Ob Dana-Maya privat oder geschäftlich mit mir zu tun hatte, ist entscheidend. Es geht um eine angebliche Täuschung und Ausnutzung einer privaten Beziehung im geschäftlichen Kontext», erklärte Thorsten schulterzuckend – er wirkte, als würde er darüber nicht weiterreden wollen.
Er wechselte das Thema: «Wie geht’s dir?»
Nicole schüttelte sich wie ein regennasser Hund, der gerade ins Trockene eingelassen worden war. Sie wollte das eben Erlebte abschütteln, denn es erinnerte sie an die Vergangenheit.
«Eigentlich gut. Natürlich ist es anstrengend mit Firma und Kind allein. Aber mein letztes Geschäftsjahr war besonders stark. Und das aktuelle entwickelt sich noch besser. Ich habe im Moment beträchtliche Rücklagen – um Geld muss ich mir wenigstens keine Sorgen machen», sagte sie.
Thorsten sog tief an seiner Zigarette und blickte sie erfreut an. «Das ist gut! Und, gibt es einen neuen Mann in deinem Leben?»
«Nein, ganz sicher nicht! Wozu auch? Mir geht es ohne besser!», erklärte Nicole bestimmt.
Sein rechter Mundwinkel zuckte, ein Hauch von Trübsal lag in seinem Blick. Er drückte Nicole noch einmal kurz an sich und sagte: «Du bist zu schade, um ewig allein zu sein. Viel zu schade!» Dann rannte er los. «Ich muss in die Firma!» – und verschwand.
Nicole blieb im Sonnenlicht stehen. Die Frühlingssonne blendete, fast schmerzhaft hell nach der dunklen Schwere drinnen. Sie holte tief Luft – und fragte sich, wie sie in all das Hineingeraten war. Tja, wie? Beim Zurückgehen zum Auto kam ihr der Gedanke, ob am Ende nur die Langeweile schuld gewesen war.
⋯
Damals, bevor das Drama begann, hatte sie in einem 300-Seelendorf festgesessen. Nichts, rein gar nichts hatte dort die Menschen bewegt – außer dem Wind, der an den Dächern rüttelte und heulend um die Ecken fuhr. Das Dorf lag erhöht, rund 45 Meter über Normalnull. Ein Durchgangsdorf im Nichts. Nichts außer einem Zigarettenautomaten.
An klaren Tagen konnten die Bewohner weit über die Felder sehen, bis zu den Kirchtürmen der nächsten Stadt. Doch Nicole erinnerte sich, wie damals nichts mehr klar gewesen war – bevor die Geschichte ihren Lauf nahm.
Tja, was war damals der Status quo gewesen? Nicole lebte mit Alex zusammen. Ihrem Freund. Oder besser: ihrem Fast-schon-Ex-Freund. Innerlich hatte sie längst mit ihm abgeschlossen. Was war langweiliger? Er – oder die Einöde des Dorfes? Alles war nett gewesen. Nett? Was bedeutet schon nett? Ja, Alex und ihre gemeinsamen Freunde waren nett. Die Familien. Die Wohnung – diese war nicht nur nett, sondern wirklich schön!
Aber nett ist auf Dauer langweilig. Sterbenslangweilig!
Die einzige Abwechslung bot ihre junge Firma. Vor einem Jahr war sie voller Freude und Leistungswillen in die Selbstständigkeit gestartet. An ihrer Seite: Achim, genial, aber chaotisch, ein Grafiker Ende dreißig – und Eric, siebzehn, ein Nerd, brillant im Programmieren, doch unfähig, sein Denken in Nullen und Einsen auf das reale Leben zu übertragen.
Nicole dagegen war strukturiert, organisiert – und zugleich wissbegierig. Sie brauchte Abwechslung, Input für den Kopf. Neues fürs Hirn – dadurch verzettelte sie sich manchmal, tat einfach zu viele Dinge zur gleichen Zeit. Nur: Außer dem Firmenaufbau hatte sie keine spannenden Zukunftspläne.
Also wartete sie – nicht ganz unbewusst; wartete auf den Moment, der alles verändern würde.
⋯
Der Verkehr rauschte an Nicole vorbei. Immer noch saß sie im Auto vor dem Gerichtsgebäude und hing ihren Gedanken nach. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, startete den Motor und fuhr los. Nie würde sie den ersten Tag vergessen. Den Tag, an dem sie Stefano zum ersten Mal gesehen hatte – am Hamburger Hafen.
Dana-Mayas Satz kreiste wie ein Uhrzeiger durch ihren Kopf: ‘Ich denke, meine Wahrheit ist für dich genauso schmerzhaft, wie deine für mich.’ Was war damals die Wahrheit gewesen? Als alles begann?
> weiterlesen: 2. Hamburger Hafen – wie alles begann
Foto von Wolfgang Weiser: https://www.pexels.com/de-de/foto/31445212/



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