33 – Blutiger Jahrtausendwechsel
Vor wenigen Tagen, in 2026, war ich in Hamburg bei einem Event. Auf dem Weg vom Bahnhof runter Richtung Alster lief ich nach mehr als 25 Jahren wieder durch die Straße “Brandsende”. Dort habe ich in der Sylvesternacht 1999-2000 das Folgende erlebt:
(Auszug aus dem Kapitel “33 – Blutiger Jahrtausendwechsel”, E-Book siehe Amazon)
…
«Der Ballindamm ist auch so voll … Ich denke, wir sollten die nächstbeste Seitenstraße nehmen, anstatt uns bis zur Kreuzung da vorne durchzuwühlen», schlug Nicole vor. Alle vom Ballindamm ausgehenden Nebenstraßen führten von der Alster weg und grob Richtung Bahnhof.
Brandsende. Die Einbahnstraße, die sie wählten, hieß Brandsende. Langsam, Schritt für Schritt, drängten die Drei sich durch die Menschen.
Die meisten von ihnen wollten nach unten gehen, sie selbst nach oben. Es war dunkel hier; die Straße kaum mehr als eine einspurige Gasse, die von dunklen Altstadthäusern geprägt war. Nicole ging vor Stefano und Martin. Ihr kamen einige Betrunkene entgegen; sowie ein älteres Ehepaar.
Nicoles Blick verharrte für Sekunden an dem Arm eines der Betrunkenen.
Er hob ihn.
In der Hand hielt er eine Sektflasche.
Er hob den Arm und schlug damit zu – auf den Schädel des Mannes vor Nicole.
Es ging so schnell – das dumpfe Splittern, das gleißende Aufflackern von Glasscherben, der dumpfe Schlag. Der dicke, schwere Flaschenfuß platzte auf dem Schädel des Mannes und riss tiefe, fast zentimetertiefe Wunden hinein. Scherben flogen auf den Boden.
Blut, Blut, Blut. Blut spritzte.
Der Mann brach blutend vor Nicole zusammen. Seine Begleiterin schrie hysterisch, schrie und schrie. Stefano und Martin eilten vor und schleppten den Verletzten durchs Gedränge an die Gassenseite. Nicole schob seine vor Angst wahnsinnige Frau hinterher. Der Betrunkene, der zugeschlagen hatte, war weg. Einfach weg. Und niemand anderes bot seine Hilfe an. Niemand außer den Dreien sorgte sich um den Verletzten.
‚Herzlich willkommen, neues Jahrtausend! Die Menschen werden dennoch nicht menschlicher werden‘, dachte Nicole für sich und redete auf die Frau ein, um sie zu beruhigen.
«Taschentücher! Wir brauchen Taschentücher!», brüllte Stefano, und Nicole zog hervor, was sie bei sich hatte. Blut, Blut, Blut. Das Gesicht des Mannes war blutüberströmt, und jede Mühe schien vergebens: Sie schafften es kaum, die tiefen Schnittwunden zuzudrücken. Das Weiß der Taschentücher verwandelte sich in Sekunden in ein dunkles Rot.
«Der Mann verblutet, wenn wir keine Hilfe bekommen!», warnte Stefano. Nicole schnappte sich ihr Handy und versuchte, den Notruf zu erreichen. Sinnlos. Das Funknetz war hoffnungslos überlastet.
«Mist!», fluchte sie. «Ihr da! Ihr müsst helfen!», brüllte sie durch die feiernde Menschenmenge ein paar Jugendlichen zu. Zwar betrunken, aber dennoch willig, erfüllten sie die Aufgabe, die Nicole ihnen mit Bestimmtheit auftrug.
«Wir brauchen Taschentücher. Sprecht die Leute an und bringt uns Taschentücher.» Zack, zack, torkelten zwei davon umher, und Stefano bekam, was er brauchte, um dem Mann Erste Hilfe leisten zu können. Doch die Blutung ließ nicht nach. Stefano schaffte es nicht, die Wunden fest genug zuzudrücken – sie waren zu tief.
Die Frau des Verletzten weinte bitterlich. Er selbst gab keinen Ton von sich. Stand er unter Schock? Betäubte ihn der Schmerz? Der Asphalt glänzte schwarz, die Hände waren glitschig rot.
Martin versuchte derweil, mit seinem Handy durchs Funknetz zu dringen.
«Seht!», rief Nicole. «Da steht ein Krankenwagen.» Tatsächlich. Keine fünfzig Meter entfernt parkte direkt an der Alster ein Rettungswagen. Nicole flitzte, so schnell es eben durch die feiernden Typen ging, dorthin und schob die schwer Betrunkenen, die ärztliche Hilfe benötigten, zur Seite.
«Wir haben einen echten Notfall! Die Straße rauf ist ein Mann am Verbluten!», rief sie an der offenen Tür ins Wageninnere.
«Tut mir leid. Wir haben hier schon alle Hände voll zu tun!», brüllte ihr ein Helfer in Weiß zu. Eine ohnmächtige Frau lag auf der Pritsche; ein an der Hand verletzter Mann wurde verbunden.
«Der Mann hat tiefe Kopfwunden – der verblutet!», argumentierte sie. Doch bekam sie keine Antwort mehr. Fluchend bahnte Nicole sich ihren Weg zurück und konnte kaum glauben, dass Helfer so nah, aber dennoch Hilfe unmöglich war.
Sie versuchte wieder zu telefonieren und bekam endlich ein Freizeichen! Der erreichte Notdienst informierte sie zwar, dass es eine Weile dauern konnte, bis ein Rettungswagen frei wurde, aber es beruhigte sie etwas.
Als Nicole am Platz des Geschehens wieder ankam, hielt Stefano immer noch die Wunden zu und nahm Nicoles mittelprächtige Information kopfschüttelnd auf. Die Frau stand zitternd in Martins Arm und hielt die Hand ihres Mannes.
«Der da sieht aus wie ein Polizist, oder?», fragte Nicole ihre zwei Männer, und Martin ging sofort auf den in Zivil gekleideten Beamten mit Funkgerät zu. Er brachte ihn mit.
«Jo, das ist ein Polizist und er hat sofort über Funk einen Rettungswagen angefordert!», erklärte Martin. Der Beamte befragte Nicole und Stefano nach dem Vorfall. Doch hinter dem kurz geschorenen, in schwarz gekleideten Beamten verschärfte sich die Szenerie erneut …
Unwirklich, wie in einem Horrorfilm, wirkte die Brandsende im Qualm der Feuerwerkskörper finster und unheimlich. Das Dunkel der Nacht verdichtete sich durch den andauernden Nieselregen, und die Rauchschleier umzingelten die Anwesenden wie fremdartige Wesen. Mittlerweile drängten unzählige Menschen von der Alster die Nebenstraße hinauf. Ihnen entgegen rückte nunmehr eine Mannschaft in Schlammgrün.
Dicht an dicht, Schulter an Schulter, mit Schlagstöcken bewaffnet und durch Helme mit Sichtschutz abgeschirmt, wälzte sich eine Polizei-Sondereinsatztruppe von mindestens dreißig Personen die Brandsende herab. Sie liefen in Reihen von sechs Personen nebeneinander und füllten beinahe die Breite der schmalen Straße aus. Das Stampfen ihrer Stiefel hallte wie das Grollen einer nahen Front.
Die unwirkliche Szenerie verschlug den Helfern die Sprache.
Der Verletzte wurde an die Hauswand gedrängt. Stefano hielt die Wunden zu. Martin und Nicole stellten sich mit der Frau vor die beiden. Sie versuchten, die Menschenmasse, die dem Polizeitrupp ausweichen wollte, von dem Verletzten fernzuhalten. Schwierig …
Der in Zivil gekleidete Beamte, der sie unterstützte, ließ sie mithören, was über Funk mitgeteilt wurde. Die Feierlichkeiten an der Alster waren komplett ausgeufert; Schlägereien ausgebrochen, und die Polizei sah sich gezwungen, mit Macht einzuschreiten.
«Müssen die ausgerechnet hier lang?», schimpfte Martin. Stampf. Stampf. Stampf. Die schweren Stiefel dröhnten zwischen den hohen Altstadthäusern. Es klang wie in alten Kriegsfilmen.
Als die drohende Gegenwehr vorbeigezogen war, ertönte endlich, endlich das Horn eines Rettungswagens. Die Betroffenen atmeten auf und staunten, als am anderen Ende der Straße ein zweiter Wagen auftauchte. Ihr Beamter in Zivil sprach wieder übers Funkgerät und stellte fest, dass beide Rettungsteams, das von Nicole und das von ihm gerufene, auf dem Weg zu ihnen waren. Während nun einer der Wagen zurücksetzte und zum nächsten Notruf eilte, sputeten die Sanitäter des anderen auf sie zu.
Achtzehn- oder neunzehnjährige. Ersatzwehrdienstleistende. Anfänger!
Verloren standen die vermeintlichen Sanitäter vor dem Verletzten, der teilnahmslos am Boden hockte. Stefano, der als junger Mann Sanitäts- statt Wehrdienst geleistet hatte, besaß deutlich mehr Erfahrung als sie. Er sagte: «Ihr müsst die Wunden schließen. Und er hat bereits Unmengen an Blut verloren!»
Zwei Helfer schleppten eine Trage herbei. Ein Ersatzwehrdienstleistender versuchte vergeblich, die Wunden zu stillen und zu verbinden. Endlich tauchte der Notarzt aus dem Chaos bei ihnen auf und übernahm. Stefano hob den Verletzten noch mit auf die Trage, während Martin ein letztes Wörtchen mit dem Beamten in Zivil führte. Nicole erhielt von der Ehefrau noch deren Rufnummer.
Vorbei. Und dann war es plötzlich vorbei.
Das Rettungsfahrzeug fuhr davon. Der Pulk an Menschen löste sich auf, und die drei Helfer standen plötzlich tatenlos, wie vergessen, da.
«Ihr seid voller Blut – viel Blut!», bemerkte Martin. Stefanos Hände und Kleidung waren blutdurchtränkt. Nicoles in Maßen.
«Ach du meine Herren! So können wir doch nicht in der Öffentlichkeit herumlaufen. Bloß, wo können wir die Hände waschen?», stellte Nicole fest.
Der Beamte war schon am Gehen, als sie ihn fragte, ob er eine Idee hätte. «Die Bahnhofsstation. Gehen Sie zur Wache am Bahnhof. Ich sage denen Bescheid.»
Genau das taten sie. Die Polizisten dort zeigten Verständnis dafür, dass sie blutbeschmiert keine öffentlichen Toilettenräume am Bahnhof benutzen wollten, und ließen sie ein.
«Ich müsste auch einmal …», meinte Nicole, nachdem sie sich die Hände gereinigt hatte. Sie folgte dem Fingerzeig des einen Polizisten. Vom Waschraum aus ging eine Stahltür ab. Nicole ging hinein. Der Raum war von oben bis unten gefliest, fensterlos und schmutzig. Eine Lüftungsanlage surrte.
Nicole stand über der WC-Brille und vermied, das Klo zu berühren. Kaum fertig und wieder angezogen, öffnete sie mit Toilettenpapier bewaffnet die Tür zum Waschraum. Dessen Tür zierte eine Glasscheibe, durch die sie Stefano und Martin mit einem Polizisten sprechen sah. Doch die Tür ließ sich nicht öffnen.
Nicole guckte dorthin, wo normalerweise ein Türgriff saß. Da war keiner. Ihr Herz setzte kurz aus. Entsetzt fühlte sie sich für einen Moment tatsächlich wie eine Gefangene. Kein Fenster nach draußen. Keine Tür, die sich von ihr öffnen ließ. Sie klopfte gegen das Sicherheitsglas des Türfensters, um die Aufmerksamkeit der Männer davor auf sich zu ziehen. Keiner reagierte.
Ihr Herzschlag nahm zu; aufgeregt klopfte es in Nicoles Brust. Sie wollte raus aus diesem dreckigen Loch! Poch, poch, poch schlug ihre Faust gegen die Scheibe. Der Beamte bemerkte sie, sagte etwas zu Stefano, zögerte aber. Stefano drehte sich grinsend zu ihr um und winkte.
Vollidiot‘, dachte sie und dankte ihrem Bruder, der auf die Tür zuging und diese öffnete.
«Was ist denn das? Eine Tür ohne Türgriff?», fragte sie die Herren.
Der Mann in Uniform lachte laut. «Das ist unsere Unterkunft für unsere ‹Gäste›, die wir hier so am Bahnhof aufgreifen und die eine Weile bleiben müssen», erklärte er ihr.
«Für Gefangene?», hakte Nicole nach.
«Jein. So richtige Gefangene sind das nicht. Nur Störenfriede, und so weiter. Typen, die wir hier kurz mal ruhigstellen», erklärte der Polizist. «Aber die sollen ja nicht einfach gehen können, wenn sie wollen …»
Ein Klo für Drogenabhängige, Obdachlose und Konsorten. Nicoles Ekel hielt eine ganze Weile an. Und draußen brummte die Stadt noch immer, als wäre nichts geschehen.
Willkommen im Jahr 2000!
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