CAMPING UNFREIWILLIG – Teil 1 der Geschichte

Selbständig. Alleinerziehend. Obdachlos mit Kind.

„Hast Du deine Spielsachen eingepackt?“ fragte Sofie ihre Tochter und blickte sie genervt an. Seit Stunden rannte sie Treppauf, Treppab und packte ihre Sachen, schleppte sie zum Wohnwagen und verstaute sie dort. Und ihre Tochter lag auf dem Sofa und spielte auf dem Tablet irgendeinen Schwachsinn. Weil ihr langweilig ist, sagte sie. Würde sie helfen, wäre ihr garantiert nicht langweilig!

„Nein, ich weiß nicht was!“, antwortete Ayana. „Außer Playmobil sind meine Sachen ja alle im Lager!“

„Ja, ich weiß, das ist doof. Aber nur für ein paar Wochen. Für den Campingplatz brauchst du sowieso nur was zum Lesen und Malen – was zum Draußen spielen haben wir schon Kofferraum.“ Für ein paar Wochen … Werden es nur vier Wochen werden, oder sechs? Oder acht Wochen? Sie hoffte nicht. Die Ungewiss nervte total. Ständig fehlte was. Und nun würden ihre Eltern bald aus dem Urlaub kommen, sodass sie das Elternbett räumen mussten. Während Ayana sich maulend trollte und ihre Topmodell-Hefte einsammelte und Anderes einpackte, ging Sofie nach oben und zog das Bettzeug ab. Ob der Zustand des Hauses jetzt einigermaßen erträglich war? Für ihre Eltern? Überall standen Taschen mit Kleidung von ihnen herum. „Was ich irgendwo verstauen konnte, habe ich aus dem Sichtfeld geräumt.“, brummte Sofie vor sich hin. Ihre Bürosachen lagen zum Beispiel im Sideboard in der Küche. Kleidung im Schrank ihrer Mutter und in Koffern.

Sie ließ einen letzten Blick durchs Obergeschoss schweifen und beschloss: `So geht es. Obwohl mein Bruder bestimmt noch tausend Sachen finden wird, die ihm nicht ordentlich genug sind. Er stellt ja sogar jeden Tag unsere Zahnbürsten in den Schrank. Ansonsten wäre es ja unordentlich – sagt er.`

Wieder unten stellte Sofie fest, dass das Geschirr vom Brunch noch herumsteht. Eine Redaktionsmitarbeiterin vom Tageblatt war vorhin hier gewesen und hatte mit Ayana, einer Freundin und Sofie die Produkte getestet, die sie nunmehr über ihren Online-Shop verkaufen wird. Produkte aus der Region Holstein. Während sie das Geschirr wegräumte, kam ihr Bruder und präsentierte ihr seine Haushaltsrechnung. Er meinte, dass sie jeden einzelnen Posten herausrechnen sollten, damit sie genau feststellen könnten, was wer verbraucht hat. „Dazu habe ich nun echt keinen Nerv! Schon garnicht jetzt! Ich will in den Urlaub fahren. Ich denke, diese Kleinkrämerei können wir uns sparen und teilen die Kosten einfach durch drei Personen. Da Du mit Sicherheit mehr als meine Tochter verzerrt hast, schneidest du dabei sicherlich gut ab!“, schlug Sofie vor.

Leider sah Martin das nicht so. „Die meisten Sachen, die ich gekauft habe, habe ich für Euch gekauft. Hier“, sagte er und zeigte Sofie seine detaillierte Liste. Nach dieser hätten Ayana und Sofie für rund 130 Euro gegessen und er nur für rund 20 Euro – als erwachsener Mann. Getränke waren darin nicht enthalten.

„Das glaubst du ja wohl selbst nicht! Eine 11jährige und ich sollen pro Person mehr als doppelt soviel wie Du gegessen haben? Niemals. Vergiss es.“, erboste sich Sofie. Es ärgerte sie massiv, dass ihr Bruder sie anscheinend übers Ohr hauen wollte. Er brüllte laut zurück: „Ich lebe von HarzIV und kann es mir nicht leisten, zwei andere zu ernähren!“ Wegen seiner Bandscheibenprobleme war er auf Dauer arbeitsunfähig geworden. Seit rund einem Jahr könnte er theoretisch wieder in Teilzeit arbeiten, tat es aber nicht. Obwohl er schon Anfang Vierzig war, lebte er bis jetzt sein Leben lang im Elternhaus. Fast kostenfrei.

Ayana und Sofie waren jetzt nur vierzehn Tage hier gewesen – weil sie für ein paar Wochen kein eigenes Zuhause haben. Sofie antwortete: „Glaubst du etwa, ich könne es mir als alleinziehende Mutter leisten, jemand anderen mit zu ernähren? Wohl kaum! Vor allem arbeite ich für mein weniges Geld auch noch!“ Wütend schmiss sie das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine. Nun hatten sie sich hier, gemeinsam in ihrem Elternhaus, gut verstanden. Martin hatte ihr viel mit Hund und Kind geholfen. Sofie konnte Arbeiten gehen und wurde oft von ihm bekocht, wenn sie nachhause kam. Ein Luxus, den sie sonst nicht erlebte. Die Geschwister und Ayana waren trotz ihrer verschiedenen Lebensrhythmen gut klar gekommen. Fanden Kompromisse – wenn auch auf Zeit. Ewig könnten die zwei grundsätzlich verschiedenen Lebensmodelle nicht unter einem Dach funktionieren. Das Modell des stressigen Alltags einer alleinerziehenden, berufstätigen Mutter mit ihrem quirligen, unordentlichem Kind und dem schmutzigen, nervigen Hund. Das der Frau, die immer irgendwas zu tun hatte und wenn nicht zuhause, dann gemeinnützig tätig war. Und Martins Leben; das eines gelangweilten Arbeitslosen, der ohne jegliche Pflichten in seinem ehemaligen Kinderzimmer Computerspiele, spielte. Das konnte nicht zusammenpassen. Wunderbarer Weise hatte es zumindest auf die kurze Dauer von zwei Wochen funktioniert.

Schade. Schade dieser Streit ums Geld. Er warf einen Schatten auf das Licht.

Sofie wollte los. Der Wohnwagen war startbereit. Morgen würden die Ferien in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern beginnen. „Wenn wir jetzt nicht losfahren, stehen wir relativ sicher im Stau und bekommen vielleicht keinen Platz am Meer“, murmelte sie und wischte noch die Brotkrümel von der Küchenarbeitsplatte. Das Streitgespräch beendete sie einfach: „Ich gebe dir noch 30 Euro und denke, dass es damit gut passt für Dich. Und jetzt will ich los!“

Martin blickte zwar finster und meckerte weiter, half aber dennoch, die letzten Sachen, Kind und Hund in den Wohnwagen beziehungsweise ins Auto zu bringen. Als Sofie am Wagen in mein Portemonnaie schaute, um ihn auszuzahlen, stellte sie fest: „Ubs. Ich habe nur noch fünf Euro. Fährst du uns eben hinterher? Dann halte ich kurz bei der Bank und gebe dir dann das Geld.“ Martin brauste auf: „Ich habe keine Lust, meinem Geld hinterher zu laufen. Das ist eine Bringschuld!“

Die Sonne schien auf das schwarze Autodach. Es glänzte. Die Sonnenstrahlen brachen sich darin und blenden Sofie, als sie ihren Bruder erstaunt ansah. Vor ihrem inneren Auge sah sie die Innenstadt, mit all ihren Baustellen und ihr Gespann mit dem Wohnwagen, dass sich da durchquälen sollte. Sie wüsste noch nicht einmal, wo sie mit Auto und Anhänger parken, geschweige denn wenden sollte. Unmöglich. „Wenn du nicht eben mit dahin fährst, kann ich dir das Geld erst am Donnerstag geben. Wenn wir wegen des Notartermins wieder herkommen müssen!“.

Martin wiederholte, was er zuvor gesagt hatte und fügte bei, dass das genauso mit dem Katzenfutter seines Kumpels wäre. Sofie zuckte mit den Schultern. „Was hat das jetzt mit mir zu tun? Die Zeit rennt mir davon. Es ist heiß. Mir läuft der Schweiß den Rücken hinunter. Akki saß schon im Auto – ich will jetzt los! Ayana, sag Onkel tschüss und steige ins Auto.“ Die Elfjährige stürmt auf ihren Onkel zu und springt ihm fast in den Arm. Martin ist jetzt wieder weichgespült und drückt sie an sich.

Sofie zog derweil ihr Smartphone aus der Tasche und wählte die Rufnummer ihres Stammcampingplatzes nahe Grömitz. „Moin, moin. Sagt mal, hat irgendwer abgesagt? Habt ihr einen Platz für uns frei?“ Die neue Mitarbeiterin antwortete: „Nein, es hat keiner abgesagt. Aber jetzt in der Hauptsaison dürfen wir 15 Prozent überbelegen. Ihr könnt auf die Wiese gehen, wenn ihr wollt!“ „Tatsächlich? Ich dachte, das dürft ihr nicht mehr, wegen des Naturschutzstreifens am Waldrand? Setzt Ihr Euch über die Gemeindeverordnung hinweg?“ fragte Sofie grinsend. Der Campingplatz-Chef hatte ihr neulich wütend erzählt, dass sie wegen dieser Verordnung mindestens 20.000 Euro weniger Umsatz pro Sommer machen würden. „Ne, ne. In den Ferien dürfen wir das. Zwar weniger als die Jahre davor, aber …“ „Okay. Super. Dann bis nachher!“ freute sich Sofie und legte auf. Die Wiese lag direkt am Spielplatz, mit Blick auf die Ostsee.

Ein letztes Winken und los ging es. Sofie lenkte ihr Gespann vorsichtig durch die engen Baustellen der Kleinstadt und fuhr auf die staufreie A1. Kurz vor Lübeck klingelte ihr Handy. Wer störte? „Schwarz-Pfeffer, Hallo?“ melde sie sich. „Ja, guten Tag Meister mein Name von Verein … helfen“. Der Motor röhrte. Ayana sagte irgendwas. Sofie lenkte mit einer Hand das Wohnwagengespann. Den Anrufer verstand sie kaum. Verein? Helfen? Der Mann sprach weiter: „Gestern habe ich Ihnen Post in den Briefkasten geworfen. Da wollte ich jetzt mal mit Ihnen drüber sprechen.“

„Entschulden Sie: Wer sind Sie?“ „Meister vom Verein Hilfe für Helfer!“ ‚Der will bestimmt Spenden! Und mein Briefkasten ist ja schon vor fast zwei Wochen abgebaut worden`, dachte Sofie. „In welchen Briefkasten?“ frage sie weiter. „Na, den an der Adresse, die auf Ihrer Webseite angegeben ist.“ Sofie holte tief Luft. „Da wohne ich nicht mehr. Keine Ahnung, bei wem Sie das eingeworfen haben. Aber ehrlich gesagt, möchte ich jetzt auflegen, da ich Auto fahre und überhaupt nicht weiß, worum es geht!“ In dieser Situation jemanden abwimmeln zu müssen, der Spenden sammelte, nervte sie. „Senden Sie mir gerne eine eMail. Die lese ich dann später. Bis dann!“, sagte sie und wartete die Antwort nicht ab, sondern legte auf. Sie dachte: ‚Ich will an die Ostsee! Meinen Kopf frei bekommen. Mich körperlich und seelisch auf die kommenden Herausforderungen vorbereiten. Lasst mich alle in Ruhe!‘

Eine Stunde später kamen sie an. An der Ostsee, in der Lübecker Bucht in Bliesdorf bei Grömitz. Ayanas und Sofies Lieblingsplatz auf der Wiese vom letzten Jahr war verfügbar – sagten die Damen an der Rezeption. „Ja, direkt am letzten Ferienhaus? Oder soll ich den Chef nochmal fragen? Wo ist der gerade?“ frage Sofie vorsichtshalber. Keine wusste es. Also nahm Sofie die Möglichkeit als gegeben hin und freute sich. Sie fuhr ihr Gespann am Wohnmobilstellplatz und den Dauercampern vorbei und stellte den Wohnwagen mit fünf Metern Abstand ans abgemähte Feld, mit freien Blick auf die Lübecker Bucht.

Links davon waren die Ferienhäuser; rechts vom Wohnwagen war nichts. Außer der Spiel- und Sportplatz. Der war allerdings voll. Jugendliche spielten Fuß-, Basket- und Beachball – mehrere Teams zur gleichen Zeit. Auf dem Kinderspielplatz entdeckte Ayana ein neues Spielgerät – eine Wasserbahn mit Pumpe. Während Sofie den Wohnwagen aufbaute, flitzte sie wie immer los und suchte direkt Kontakt zu anderen Kindern. Doch dieses Mal kehrte sie nach wenigen Minuten zurück. Schlecht gelaunt.

„Was ist los?“ frage ihre Mutter. „Das sind solche Zicken da vorne! Die haben schon über mich gelästert, bevor ich da war. Ich konnte hören, was die gesagt haben. Die finden mein Kleid doof. Und dann haben sie gleich über die anderen dahinten gelästert. Die kann ich nicht leiden!“ schimpfte sie und warf sich in den Lesestuhl, den Sofie gerade herausgestellt hatte. Mit verschränkten Armen blitzte sie ihre Mutter wütend an. Sofie musste fast lachen, antwortete aber ernst: „Ja, Lästern ist doof. Was ist mit den anderen?“ Sie hob ihr Kinn in die Richtung von zwei anderen Mädchen. „Keine Lust. Ich will nachhause!“ sagte Anaya. Keine Lust … So was sagte sie in letzter Zeit öfter. All die Jahre vorher war sie ein Kind gewesen, das zu allem Lust und immer gut gelaunt gewesen war. Immer.

Jetzt war sie in der Pubertät. Jetzt war alles anders. Jetzt änderte sich ihre Stimmung manchmal im Minutentakt. Ayana blieb sitzen und Sofie widmete sich wieder ihrer Arbeit: Strom legen; Gashahn öffnen, Wasser holen. ‚Meine Wasserpumpe geht ja nicht!‘ erinnerte sie sich. Das blöde Ersatzteil war an die alte Adresse geliefert worden. Erst gestern, als sie in ihr Amazon-Kundenkonto geschaut hatte, erfuhr sie, dass das Paket an den Lieferanten zurück gesendet worden war. Jetzt hatte sie also keine Ersatzpumpe, die sie einbauen konnte … Heißt so viel wie: Es gab im Wohnwagen kein fließend Wasser. Entsprechend füllte Sofie eine kleine Schüssel mit Wasser und stellte sie ins Waschbecken. Zum Händewaschen. Wenigstens das.

„Ich fahre eine runde Fahrrad!“ teilte Ayana mit und düste los. „Okay“, sagte Sofie und holte sich ein Alsterwasser aus dem Kühlschrank. Es war lauwarm – wie der gesamte Kühlschrank. ‚Der Lesesessel ist jetzt meiner. Ich sitze! Ich blicke aufs Meer. Ich habe meine Ruhe!‘ dachte Sofie. Warm wehte ein laues Lüftchen; die Sonne wärmte sie von der Seite. Alles war gut.

Oder doch nicht? Die Beachball-Gruppe stellte einen iPod laut. Rapmusik schallte über den Platz. Rap. Kein Meeresrauschen. Sondern Rap! Finster blickt Sofie zum Sportplatz. Zwei kleine Mädchen kamen angelaufen und stürzten sich auf die Wasserpumpe. Sie pumpten und pumpten und pumpten. Dabei knallte Metall auf Metall. Alle paar Sekunden. Und noch einmal und noch einmal. Das klang wie auf einer Baustelle! Genervt schüttelte Sofie den Kopf. Ihr Wunsch nach Ruhe und Entspannung fiel dem Lärm zum Opfer. Ayana kehrte zurück. Immer noch schlecht gelaunt. Erstmalig war es ihr nicht gelungen, sofort Kontakte zu knüpfen.

„Wäre es nicht schon so spät, würde ich direkt wieder losfahren!“, sagte Sofie. „Ja, das ist hier viel zu laut“, stimmte Ayana ihr zu. Und das von einem Kind … Der Hammer – die Wasserpumpe – fiel. Und fiel und fiel. Sofies Aggressionspegel stieg. „Komm – wir gehen an den Strand!“ „Mit dem Fahrrad!“ verlangte Ayana kurz und knapp. „Okay. Wir müssen ja eh zum Hundestrand“, stimmte ihre Mutter zu und leinte Akki ans Fahrrad. Der Weg führte über den Spielplatz, durch ein kleines Waldstück hindurch und dann am Steilufer einen Steinweg hinab an den Strand. Der Terrier raste den Weg runter und stürmte auf einen möglichen Spielkameraden zu. Mutter und Kind folgten. Die Spätnachmittagssonne fiel schräge auf die stille Wasseroberfläche. Es war ruhig. Nur zwei Frauen um die fünfzig gingen mit ihrem Hund spazieren, der sich von Akki nicht zum Spielen überreden ließ.

„Komm Akki kleiner“, rief Ayana. Sie gingen nur ein kurzes Stück, bis zur nächsten Bucht. Die Schuhe landen im Sand, ein Stock im Wasser und Akki sprang wie ein Känguru hinterher und schwamm dem Spielzeug hinterher, um es rauszuholen. Immer wieder. Akki liebte die Ostsee. Ayana und Sofie auch. „Wollen wir uns auf den Felsen, dort in der Sonne, setzen?“ schlug die Mutter vor. Ihre Tochter kletterte voran.

„Kuscheln!“, forderte sie und hängte sich in Sofies Arme. Die gab ihr einen Kuss auf die Stirn und strich ihr die Haare aus der Stirn. Jetzt ging es ihnen gut. „Ich liebe den Strand und das Meer!“, rief Ayana und sah plötzlich ganz entspannt aus. Der schlechtgelaunte Gesichtsausdruck von vorher war wie weggeweht – auch bei Sofie.

Als sie eine Stunde später zum Wohnwagen zurückkehrten, wies der Chef gerade Wohnmobilfahrern an, wo sie stehen durften. Einer reagierte sauer, als er gesagt bekommt, dass er nicht direkt am Feldrand stehen darf und brauste wütend davon. Der Chef kam zu uns. „Ihr dürft hier auch nicht stehen – Du weißt doch, die Gemeindeauflage!“ Er drückte Sofie kurz. Wie immer, wenn er das macht, wusste sie nicht, ob sie sich über die persönliche Begrüßung freuen sollte, oder nicht. Wie immer, war er ziemlich dreckig und roch nach Öl. Nicht wirklich angenehm, aber … Egal. Die Urlauber mochten ihn und fühlten sich hier ja auch fast wie Zuhause. „Du, die Damen an der Rezeption habe ich explizit danach gefragt, ob ich genau hier stehen darf. Dich habe ich nicht gefunden“, antworte Sofie ihm auf seinen Einwand. Der Chef winkte ab. „Dann bleib halt da!“ – und ging.

Die Freude währte nur kurz. Zwar war keine Musik mehr zu hören, aber die Wasserpumpe schlug ihren Metallsong. Knall. Knall. Knall. Sofie hasste es! Das ging so den ganzen Abend. Bis es Stockdunkel war. Der Klang erinnerte Sofie an die Baustellengeräusche zuhause. An den Lärm, der Bohrmaschinen, die die Straße vor den einfachverglasten Fenstern aus den 80ern aufrissen.

Aus ihrem nächtlichen Traum wachte sie quälend auf:

Panik!!! Sofies Schläfen pochten vom Druck des kochenden Blutes. Bummbummbumm. Bummbummbumm. Sie fühlte, wie die Schlagader sich nach außen wölbte, und legte ihre Hände flach darauf. Es soll aufhören!

Bummbummbumm. Es hörte nicht auf. Der Ohrstöpsel im rechten Gehörgang machte es noch schlimmer. Mit ihm hörte sie die Vögel nicht kreischen. Aber dafür ihr eigenes Blut rauschen, das durch immer wieder kehrende Adrenalinstöße aufgewühlt wurde. Immer wieder.

Der ganze Körper brodelte. Stürmische Wellen rauschten immer wieder heran und rissen ihn mit sich. Dadurch war der Geist nicht mehr Herrscher über den Körper. Die Stresshormone machten mit Sofie, was sie wollten. Sie ergriffen sie, überfluteten Nerven und Muskeln. Ließen sie erschüttern, als wäre ihr Körper ein Stück Plankenholz, das machtlos von den Wellen immer wieder an die Felsen am Strand geschlagen wird.

Das Klopfen ihres Herzens war jetzt lauter, als das morgendliche Drama der Partner suchenden Vögel bei Sonnenaufgang. Sofie schlug die Augen auf. Steht auf. Öffnet die Tür ihres Wohnwagens und schaut hinaus aufs Meer.

‚Ich wohne hier. Ich bin obdachlos. So gut wie zumindest‘ – dachte Sofie.

 

Das Wasserpumpen-Metallschlagzeug erklang schon, bevor es richtig hell war. Sofie traf die spontane Entscheidung, den Campingplatz wieder zu verlassen. Sie beschloss, vor dem Lärm zu fliehen und irgendwo einen ruhigen Platz zu suchen. Nach dem Auszugsstress in der vorletzten Woche brauchte sie echt Erholung. Ihr Hausrat war jetzt eingelagert.

Dieser Campingurlaub war ein Muss.

Auf dem Weg ins Ostholsteiner-Binnenland hielten sie bei einem Campingladen und kauften eine Wasserpumpe. Vorm Laden bleiben sie noch eine Weile im Auto sitzen und studierten den ADAC-Führer. Sie wussten nicht wohin! An der Ostsee wird es heute, am Samstag, vermutlich schwierig werden noch einen guten Platz zu bekommen. Zumal es in der Gegend kaum 5-Sterne-Plätze gab, die Hundefreundlich waren. Oder es gab dort, für ihren Geschmack, zuviel Animation. Zuviele Saufereien. Zuviel Action – wie am Ballermann auf Mallorca. Das ist nicht der Stil der kleinen Familie Schwarz-Pfeffer. Sie mögen Freizeitaktivitäten in der Natur.

„Prinzenholz? Kanufahren? Da wo wir mal mit Oma und Opa waren?“, fragte Sofie ihre Tochter. Ayana erinnere sich nicht direkt. Ihre Mutter fügte hinzu: „Auf dem See dort sind wir mit Opa Kanu gefahren – wobei du super zickig warst!“ „Ach da! Ja.“ Es ist nicht weit dorthin; Sofie wusste ungefähr, wo sie langfahren mussten. Ihr Smartphone musste dennoch die Route ansagen. Das Navigationsgerät des Autos hatte letzte Woche seinen Geist aufgegeben – ein schlechter Zeitpunkt. Der Weg führte beinahe geradewegs von der Ostsee ins Binnenland von Holstein. Ostholstein genau genommen. Am Bungsberg vorbei. Der höchsten Erhebung vom Bundesland Schleswig-Holstein.

Nach einer halben Stunde kamen die Drei am neuen Campingplatz an. Von den Platzvorschlägen der Rezeptionistin suchten sie sich, nach einem Rundgang, einen Stellplatz davon aus. Der war groß, relativ lang, sodass der Wohnwagen vorne stehen konnte und hinten ein geschützter Bereich war. Gut für Akki; gut für Mutter und Kind.

Angekommen. Der Campingplatz war in Terrassenform angelegt; ähnlich wie in Weinbergen. Der Blick vom oberen Bereich fiel wunderschön auf den Kellersee bei Eutin. Es war ruhig! Klein und übersichtlich. Ayana fühlte sich sofort wohl und schloss innerhalb von Minuten erste Bekanntschaften. Einen Badestrand für Hunde gab es auch – und Akki schwamm, und schwamm und schwamm. Heute, morgen und übermorgen. Und Sofie konnte schlafen. Endlich. Endlich wieder in Ruhe schlafen. Aber in ihrem Träumen wurden doch wieder Erinnerungen wach…

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