camping unfreiwillig – Ungewiss (Dienstag, 4. Tag)

Ungewiss (Dienstag, 4. Tag)

Ich wache auf. Es regnet schon wieder! Warum um Himmelswillen hat der Wetterbericht nicht gestimmt, den ich vor unserer Abfahrt extra noch studiert habe? Da meine Eltern erst heute oder morgen aus ihrem Urlaub zurückkehren, hätten meine Tochter und ich noch 5 Tage länger in ihrem Elternbett schlafen können. Hätten im Trocknen sitzen können – kostenfrei!

(Zwangs-) Urlaub mitten in den Sommerferien ist teuer!

Ich schiebe die Bettdecke von mir und springe in Jeans und Sweatshirt. Das Vorzelt steht offen; die ganzen Handtücher hängen zum Trocknen draußen – sie werden gerade nass. In Minutenschnelle hole ich den Wäscheständer und die Sonnenliegen rein, hänge und stelle sie ins Vorzelt. Leo will raus – ich befehle: „Nein, bleib“! und ziehe die Vorzeltseiten zu. Geschafft. Hier bleiben die Sachen halbwegs trocken – zumindest, wenn es jetzt nicht tagelang in Strömen gießt. Denn Dauerregen kann mein leichtes Reisevorzelt nicht standhalten. Ab „Wassersäule xy“ (2000?) sickert die Feuchtigkeit langsam durch …

Handy her!

Ich schnappe mir mein Smartphone, gehe online und schaue mir den tagesaktuellen Wetterbericht an. Regnerisch – bis Mittag. Danach wieder sonnig bei 22 Grad. Damit kann ich leben! Mit diesem typisch norddeutschen wechselhaftem Wetter. Was soll das eigentlich heißen? Wechselhaft? Sonne und Regen, Kühl und Warm, Stille und Wind im Wechsel? Könnte ich auf diesem tiefliegenden Platz mit dem Laptop online gehen, würde ich direkt nachsehen. Kann ich aber nicht. Auch diesen Text kann ich hier nicht auf den Blog stellen …

Campen ist anstrengend.

Wobei: Ich sitze hier und schaue immer wieder aus dem Fenster. Meine Tochter liegt noch tief schlafend in ihrem warmen, kuscheligen Bett. Die Menschen da draußen, die, die an meinem Wohnwagen vorbeilaufen, haben keine Regenjacke – auch die Kinder nicht. Triefend nass kehren sie vom Sanitärgebäude zurück, weil sie selbst zum Pipimachen dort hinlaufen müssen. Sie zelten. Gerade laufen eine 12jährige und ihre Mutter an unserem Platz vorbei. Mit Mini-Regenschirmen, die ihnen kaum was nützen. Das Mädchen hat nackte Beine – ihre kurze Hose lässt das hochspritzende Regenwasser ungehindert an ihre Haut klatschen. Auch die sind mit Zelt hier.

Ist das ein Luxus!

Ist der Wohnwagen ein Luxus! Wir sitzen im Trockenen. Wir haben wieder fließend Wasser; eine Heizung und ein WC !!! Für Pipi. Meine Kaffeetasse ist leer. Bei mir stellt sich ein drängendes Bedürfnis ein … Soll ich darüber echt schreiben? Nicht ernsthaft oder? Andererseits ist das Stillen der grundlegenden Bedürfnisse der Menschen beim Campen elementar. Egal ob auf einfachen Campingplätzen (wo ich niemals hinfahre), noch auf 5-Sterne Luxusplätzen (die ich in der Regel buche): Immer geht es darum: Gibt es neben Strom, Frisch- und Abwasser-Anschlüsse direkt am Platz? Wie sind die sanitären Anlagen? Sind die modern, großzügig gebaut und gut geputzt? Heißt soviel wie: Können Camper ihre Bedürfnisse nach Licht, Wärme und Hygiene stillen? Nun: Zwar sind die Ansprüche des Einzelnen individuell und jeder empfindet etwas anderes als sauber …

Ich bin da extrem.

Das ich immer nach mindestens 4-Sternen im Sanitärbereich suche, hat seinen Grund: meine Pingeligkeit. Wegen meiner Pingeligkeit haben meine lieben Familienmitglieder und Freunde von mir auch niemals geglaubt, dass ich mir wirklich einen Wohnwagen kaufe. Erst als ich vor vier Sommern von meinem 180qm-Haus in meine kleine Eigentumswohnung ziehe musste; erst, als ich keinen Garten, sondern nur noch einen Balkon zur Straßenseite hatte: Da machte ich ernst und kaufte mir diesen Wohnwagen. Damals, nachdem meine Firma mit ehemals 9 selbständigen Niederlassungen den Bach auch wieder runtergeflossen war. Damals, einige Jahre nach der Trennung von meinem betrügerischen Ehemann. Damals, nachdem mein Vermieter soviele Hausmängel nicht beseitigt hatte, dass der lebensgefährliche, giftigste Innenraum-Schimmel „Stachibotrys Chartarum“ ausbrach und wir schnellstens dort rausmussten.

Damals kaufte ich mir den Wohnwagen. Und erst, als ich damit bei meinen Eltern auftauchte, nahmen sie mir ab, dass ich – die Pingelige – tatsächlich auf Campingplätze fahren würde. Wegen dem Kind. Ist doch toll auf Campingplätzen für Kinder.

Aber jetzt muss ich mal wohin …

Für drängende Bedürfnisse nutzen wir auf keinen Fall die Wohnwagen-Toilette. Den Schweinkram will ich später nicht in den Sanitär-Ausguss bringen müssen. Ist ja eklig! Niemals! Also ziehe ich Regenschuhe und –Jacke an und tappere zum Sanitärgebäude. Alle, die mir entgegenkommen, gucken wegen des Regens auf den Boden. Deshalb muss ich kaum jemanden „guten Morgen“ wünschen.

Gestern, vorgestern? klärte meine Tochter mich darüber auf, dass Männer immer die erste Toilette benutzen, Frauen aber immer erst in viele oder sogar alle hineinschauen und sich dann für eine entscheiden. Ich muss über mich selbst lächeln, denn in diesem Punkt bin ich wohl typisch Frau. Das dritte WC scheint mir sauber genug zu sein … Riecht auch nicht komisch. Babyfeuchttücher sind übrigens meine besten Freunde, beim Campen! Die müssen überall mit hin. Nicht nur aufs Klo, auch auf jede Art von Ausflug. Überall dorthin, wo es kein Wasser und Seife gibt. Ich brauche sie! Ernsthaft. Ich bin ja pingelig. Hier auf dem WC haben sie einen doppelten Nutzen, auf den ich nun aber nicht weiter eingehen werde.

Auf dem Rückweg zum Wohnwagen blicke ich von der Anhöhe am Sanitärgebäude hinaus auf den Keller-See. Regentropfen plätschern auf die sonst glatte Wasseroberfläche. Ein einziges menschliches Wesen schwimmt. Die Luft ist wärmer, als das Grau mich annehmen lässt. Zurück am Wohnwagen ziehe ich Jacke und Sweatshirt aus und ziehe mir etwas Leichteres über. Sofie schläft. Leo legt sich auch wieder hin. Und ich setze mich wieder ans Laptop, schreibe diesen Text weiter und füge schlussendlich die folgende Rückblende ein bzw. verlinke sie für Leser:

„ Urlaub to go. Wohnwagen-Abenteuer an der Ostsee“ (vor 4 Sommern)

Zurück ins Hier und Jetzt: Der Regen hört auf. Die Sonne blitzt durch die Wolken. Sofie steht auf und fragt: „Wie spät ist es?“ „9 Uhr 30“, antworte ich. Sie sagt: „Ich muss beeilen. Heute fährt ja Leonie nachhause – ich will sie nochmal sehen!“ Tja. Selbst beim Campen gibt es Zeitdruck. Spätestens dann, wenn man selbst oder neue Freunde Abreisen müssen.

 

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