Damals im August: Jana brauste in ihrem maisgelben 30 Jahre alten VW-Käfer zu ihrem ungewissen Date. Diesem Treffen, dem sie mit gemischten Gefühlen entgegen sah. Stefano, der Düsseldorfer, der unverschämt gut aussehende Typ, der neulich am Hafen ihren Gefühlshaushalt durcheinandergebracht hatte, erwartete sie am Flughafen. Als Chauffeur sozusagen und sachlich betrachtet, als Zeitvertreib bis zu seinem Termin. Er hätte sich ja auch ein Taxi nehmen können … Jana strich ihr langes blondes Haar, das durch das offene Fenster wehte, aus ihrem Gesicht und setzte den Blinker.

Der Stau vor der letzten Kreuzung löste sich auf und Jana bog rechts ab. Sie fuhr die Flughafenzufahrt entlang, an den Terminals vorbei, Richtung Parkplatz und stellte den Käfer dort ab. Sie stieg aus. Gespannt auf den magischen Augenblick des Wiedersehens, zupfte sie nervös an ihrem Kleid. Einem schlichten Baumwoll-Sommerkleid in Dunkelgrün.

Es war genau zehn Uhr. Jana lief vom Parkplatz Richtung Terminal 1. Stefano kam ihr schon entgegen, wiegte sich dabei im Schritt von links nach rechts. Es sah fast so aus, als hätte er Schmerzen. Jana beobachtete ihn genau. Merkwürdigerweise schlug ihr Herz nicht schneller, als er schließlich vor ihr stand. Stefano schaute sie unsicher wirkend an, beinahe ängstlich. Als könnte es gefährlich werden. Dabei war Jana, die typisch Norddeutsche sicherlich harmlos, viel zu offen und ehrlich, als dass sie irgendwie gefährlich sein könnte. „Hey, wie war der Flug?“ fragte sie ihn und blieb einfach vor ihm stehen.

„Du, wie immer: Zu warm und zu eng. Business-Class war ausgebucht und ich saß in der Economy-Class neben einem weniger gepflegten dicken Typen!“ „Lohnt sich, auf der kurzen Strecke Business-Class zu bezahlen?“ fragte Jana. Bodenständig, wie sie war, klang das für sie nach unnötigem Luxus für eine Kurzstrecke innerhalb Deutschlands. „Als Unternehmensberater leiste ich mir diesen Luxus gerne. Man muss sich ja auch mal entspannen können“, meinte Stefano und ging weiter. „Wo steht dein Auto?“ Jana hob den Arm und zeigte in die Richtung ihres Käfers, dessen gelber Lack im Sonnenlicht leuchtete. Stefano hielt im Schritt inne und gucke Jana mit gekrausten Augenbrauen an. «Du fährst einen Käfer?» Jana nickte. «Ja, wieso?» «Nun, so als Geschäftsfrau … Da hätte ich doch was anderes erwartet», deutete er an. «Ja, ich fahre ihn gerne und aus Marketingsicht betrachtet, ist er goldrichtig! Denn er hat als Oldtimer einen starken Aufmerksamkeitsfaktor und Erinnerungswert … Ist also enorm werbewirksam!», erwiderte Jana dem wenig begeisterten Stefano. Sie blickte auf die Uhr. 10.20 Uhr. Um 17 Uhr sollte sein Termin im Büro von Delia stattfinden. Jana selbst hatte sich zur gleichen Zeit einen Freelancer dorthin bestellt. Bis dahin war noch viel Zeit, die überbrückt werden musste.

„Wollen wir an die Alster fahren? Das ist ein perfektes Ziel für so ein Wetter – 19 Grad. So verregnet, wie der Sommer bisher gewesen ist, kann ich einen Tag im Grünen und vor allem in der Sonne echt brauchen!“ meinte Jana. Stefano nickt. „Ja klar, können wir machen!“ Sie stiegen ins Auto und parkten eine gute halbe Stunde später an der Binnenalster, gingen ein Stück spazieren und suchten sich dann einen Platz auf der grünen Wiese.

Stefano und Jana setzten sich nebeneinander. Ein alter Mann auf Krücken humpelte zitternd vor Altersschwäche, aber gut gelaunt, an ihnen vorbei. „Hübsches Paar, hübsches Paar!“ murmelte er grinsend und zottelte unaufhaltsam weiter. Stefano meinte: „Na, der hat ja Fantasien!“ Hatte er? „Also rein äußerlich passen wir doch ganz gut zusammen“, meinte Jana etwas verlegen, lenkte dann schnell von dem Thema ab. Er war dunkelhaarig, sie blond.

Da die beiden nebeneinandersaßen, fehlt der direkte Blickkontakt. Ihre Augen schweiften über das Grün und die Binnenalster. Sie unterhielten sich über dies und das. Aber so richtig fließend lief ihr Gespräch nicht. Stefano wirkte unruhig und nervös. Irgendwann platzte er mit einer Frage raus, die mit dem Thema davor nichts zu tun hatte: «Wie viel Umsatz machst Du so?», fragte er. Jana antwortete irritiert: «Ach, das ist sehr unterschiedlich. Auf jeden Fall kann ich davon leben!» «5-stellig, 6-stellig?», hakte er nach. «Na, das wäre ja toll! Nein, 4-stellig», meinte Jana. «Mein Geschäftsmodell ist ja so neu – da bin ich froh, dass es überhaupt funktioniert. Und was machst du geschäftlich genau?»

«Ich bin Unternehmensberater und betreibe zudem einen Großhandel. Der läuft gut!», erklärte Stefano in einem Ton, der sachlich aber nicht begeistert klang. Jana fragte nicht weiter nach, denn eigentlich passte dieser Gesprächsgegenstand nicht zu ihrer sonnigen Stimmung. Stefano rückte näher an Jana heran und strich ihr wie zufällig mit einem Finger übers Schienbein. «Wau, rasierte Beine. Welch ein Glück!», stellte er fest. Jana schüttelte den Kopf. «Bist du irgendwie liiert? Verheiratet?», fragte sie ihn anstatt seine Bemerkung zu kommentieren. Stefanos Mundwinkel zuckten nervös. Er blickte zu Boden und murmelte: «Meine Frau und ich haben uns vor ein paar Monaten getrennt. Ich wohne zurzeit bei meinen Eltern.» Jana holte tief Luft und schien, ein wenig leichter zu werden. „Bei deinen Eltern? Und warum habt ihr euch getrennt?“, fragte sie. „Ach ja, warum? Wir haben uns wohl zu früh kennengelernt und nun in andere Richtungen weiterentwickelt. Ich bin immer unterwegs, weltweit und sie macht eigentlich garnichts mehr, interessiert sich für nichts. Wir passen einfach nicht mehr zusammen. Die Liebe ist verraucht.“

Jana hörte einen leisen Vorwurf in seiner Stimme. Als sie im Ansatz die nächste Frage formulieren wollte, stand Stefano auf.  „Ich kann nicht mehr stillsitzen. Wollen wir was anderes machen? Einen Kaffee trinken gehen?“ „Ja, können wir machen!“ meinte Jana und stand auf. Sie hätte gerne noch viel länger in der Sonne gesessen. Es war so schön heute! Die beiden gingen in das nächste Café mit Blick aufs Wasser und setzten sich an einen Tisch. Ein richtiges Café war das eigentlich nicht; mehr Bretterbude mit einfachen Tischen und Stühlen davor. Die Kellnerin kam sofort – eine hübsche, dunkelhaarige Studentin. Stefan sah sie an. Sie sah ihn an und wurde rot! Im ersten Moment verlegen, wurde sie im nächsten cool und blickte ihn ein wenig arrogant an. Für sie musste er alt sein … Stefano fing leicht an zu schielen und wirkte plötzlich wie ein kleiner Junge.

Jana war überrascht – mochte Stefano die deutlich jüngere Frau, fast noch ein Mädchen, leiden? Angefressen bestellte sie, was sie haben wollte. Stefano sagte nur „Kaffee! Viel!“. „Also einen Pott?“ fragte die Studentin. Der Gefragte nickte. Die Kellnerin ging und Stefano nahm den letzten Gesprächfaden von Jana wieder auf. Wie bei einem Bumerang landeten sie immer wieder bei geschäftlichen Themen. Fragen nach seinem Privatleben, Familie, Freizeit, etc beantwortete Stefano entweder garnichts oder ausweichend. Fast so, als hätte er kein Privatleben.

Die Temperaturen stiegen. Jana aß noch ein Eis. Immer mehr Menschen strebten ins Freie, viele hatten aufgrund des selten guten Wetters früher Feierabend gemacht. Überall saßen die Leute, viele im Schatten, weil die Luft zunehmend stickiger wurde. Irgendwann blickte Stefano auf seine Armbanduhr und meinte: „Es ist fast 16 Uhr. Müssen wir nicht langsam los?“ „Ja, so langsam. Weit es aber nicht, das schaffen wir locker!“ Stefano legte Bargeld auf dem Tisch und rief der Kellnerin „Stimmt so!“ hinterher. Janas Mundwinkel zuckten.

Die beiden gingen zum Auto, welches lange in der Sonne gestanden hatte. Sie stiegen ein, es war heiß dadrinnen. Bevor Jana Gas gab und losfuhr, betrachte sie Stefano von der Seite. Ihn, den charmanten Unternehmensberater: Volle dunkle Haare, Dreitagebart, feine Gesichtszüge, prägnante Augen. Etwas Schüchternes, Wirres, Unstetes im Blick – was verbarg sich dahinter? Was vorhin am Flughafen ausgeblieben war, passierte jetzt. Janas Herz schlug mit einem Mal schneller. Stefano saß auf dem Beifahrersitz und roch so gut: Holzig bis erdig, balsamisch-warm, wie eine sinnliche Substanz. Sein angenehmer Körpergeruch strömte Jana entgegen. Diesen Duft sog sie ein. Den Duft, der sie verführte. Stefano blickte sie verwirrt an und wendete sich ihr zu. Rinnsale von Schweiß liefen an dem bildschönen Gesicht herunter; es näherte sich Jana und küßte sie zum ersten Mal. Hier, mitten in der Großstadt, auf einem Parkplatz, im heißen VW.

Doch der Moment war schnell vorüber, weil jemand hupte, der den Parkplatz haben wollte. Jana gab Gas und fuhr innerhalb weniger Minuten zu Delias Büro. Dieses lag in einem Hinterhof, in dem sich die aufgeheizte nachmittägliche Sommerluft unerträglich staute. Delia kam ihnen entgegen. „Ich habe auf euch gewartet. Hier ist der Schlüssel. Ich muss schnell nochmal weg. Bis nachher!“ Sie stieg in ihr Auto, ohne eine Antwort abzuwarten und fuhr vom Hof.

In dem Souterrain-Büro war es angenehm kühl. Weil der Kontrast zu groß war, öffnete Jana mehrere Fenster und lies die Sommersonne rein. „Arbeitest du hier?“, fragte Stefano. „Nein, nicht wirklich. Nur ganz selten nutze ich halt Delias Büro, um mich mit Hamburger Geschäftspartnern zu treffen. Wirklich selten. Der Weg ist weit von meinem Dorf hierher …“ meinte Jana. „Möchtest du auch was trinken?“ Sie ging in den kleinen Nebenraum, der auch als Kaffeeküche diente. Stefano nickte und folgte ihr. Jana öffnete den Kühlschrank und schaute, was es für kaltgestellte Getränke gab. Stefano drückte sich von hinten an sie ran. Irritiert schloss Jana die Kühlschranktür und drehte sich zu ihm um. Mit hochgezogener Augenbraue blickte sie ihn an. Doch Zeit zum Reagieren hatte sie nicht. Stefano packte sie an der Hüfte und ob sie hoch auf den Kopierer, der danebenstand.

„Was wird denn das?“ fragte sie gereizt, als er ihr sofort das Kleid hochschob und sie küssen wollte. Vielleicht war sie zu sehr Landpomeranze, zu prüde … „Wir haben doch noch Zeit!“, behauptete Stefano. „Zeit wofür? Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich mit dir hier eine 5-Minuten-Nummer durchziehe! Vergiss es!“, schimpfte sie und schob Stefano weg. „Wofür hältst du mich?“ Jana war sauer, sprang von dem Kopierer und ging in den großen Büroraum. Stefano folgte ihr mit trotzigem Gesichtsausdruck. Zum Glück ging die Tür auf und Delias Liebhaber und Arbeitskollege André kam rein.

Die terminierten Leute folgten nach und nach. Die geschäftlichen Gespräche wurden geführt und eineinhalb Stunden später verließen sie zu fünft gemeinsam das Büro. Draußen, auf dem Hinterhof, war es massiv stickig und heiß. Trotzdem lief noch ein „Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot“-Gespräch …

«Was für ein Auto fährst du?», fragte André und strich mit der Hand über den kochendheißen Lack von seinem Firmenwagen, um den Staub abzuwischen. Stefano nickte und antwortete stolz: «Einen BMW Z3. Bar bezahlt!» «Echt bar bezahlt?», erkundigte sich Delia. «Dann müssen Deine Geschäfte ja gut laufen. Ich musste mein Auto finanzieren!» Schulterzuckend erwiderte Stefano gelassen: «Ja nun …» «Womit verdienst Du Dein Geld?», wollte der Freelancer wissen, der mit Jana einen Termin gehabt hatte. Stefano antwortete zurückhaltend: «Ich habe einen Maschinen- und Werkzeughandel, mit mehreren Niederlassungen in Deutschland.»

André war begeistert. «Cool man. Hört sich ja so an, als wenn du richtig erfolgreich bist!» «Ja …», erwiderte Stefano leise mit einer Spur von Understatement in der Stimme. «Ich fahre übrigens Richtung Norden und komme am Flughafen vorbei», säuselte Andre. «Soll ich dich mitnehmen? Dann muss Jana nicht extra einen Umweg fahren.»  Stefano nickte. «Klar, warum nicht?» Jana war über diese Zusagen enttäuscht, aber auch froh. Denn der Umweg war für sie wirklich groß. Der Freelancer schulterte seinen Rucksack, schloss sein Fahrrad ab und verabschiedete sich. Delia drückte Jana zum Abschied. Stefano schaute sie kurz verlegen an, fragte: „Wir telefonieren?“ und stieg dann zu Andre ins Auto. Der öffnete das Verdeck, drehte die Musik auf und fuhr fröhlich winkend mit Stefano davon. Delia und Jana sagten fast gleichzeitig „Männer“ und machten sich dann selbst auf den Weg. Der Tag vorbei. Doch Stefanos Duft wirkte nachhaltig – er hing in Janas VW fest.

Jana zwinkerte und schüttelte verwirrt den Kopf. Dieser Tagtraum von Stefano machte sie ganz kirre. Er kehrte immer wieder. All die Jahre immer wieder. Sie saß mit Telefonhörer in der Hand am Schreibtisch und schüttelte sich. Versuchte, die Illusion von Stefanos verschiedenen Wesen loszuwerden. Wie viele Seelen konnten in einem Körper wohnen?

Das Telefon hatte schon sechs, sieben Mal geklingelt. Jetzt wurde Janas Anruf entgegengenommen. Thorsten Bender meldete sich mit: «Hi Kleine!» Jana wischte die Vorladung des Gerichts vor sich glatt und sagte: «Hi. Ich soll ja übermorgen als Zeuge vor Gericht aussagen. Langsam wird es Zeit, dass du mich aufklärst!» «Sie hat uns verklagt!», erklärte Thorsten.

«Ja, das kann ich der Vorladung entnehmen. Dana-Maya … Aber warum? Wieso? Und was kann ich schon dazu sagen? Ich weiß ja gar nicht, worum es geht!», meinte Jana. «Du, das muss ich Dir später erklären; habe jetzt einen Termin! Ich melde mich später bei dir», versprach Thorsten und legte auf. Eine Antwort wartete er nicht ab und Jana legte genervt den Hörer auf.

Der Rückruf kam nicht. Nicht am nächsten Tag. Nicht in der Woche darauf. Thorsten rief nicht an – auch nicht, als Jana ihm erneut auf die Mailbox gesprochen hatte. Was sollte das? Jana hätte gerne irgendwas über die Klage, die Dana-Maya gegen ihren alten Freund Thorsten eingereicht hatte, gewusst – bevor der Gerichtstermin war. Die Gelegenheit war nun verstrichen.

Jetzt war Montagmorgen – DER Tag – und Jana musste nun ahnungslos vorm Gericht aussagen. Versuchsweise wieder wählte sie erneut Thorstens Handynummer. Seine Mailbox lief. Jana drückte die Auflegetaste, trank ihren Kaffee aus und zog ihren Blazer über. Sie verließ das Büro und fuhr mit dem Auto in die Hamburger Innenstadt. Nach fünfundvierzig Minuten erreicht sie das Hamburger Landgericht, welches am Sievekingplatz in der Innenstadt lag. Zivil- und Strafjustizgebäude mit Anbauten, die Untersuchungshaftanstalt und das denkmalgeschützte Oberlandesgericht umrahmten den Platz.

Jana fand im Holstenwall direkt einen Parkplatz. Sie stieg aus, besorgte sich ein Parkticket, klemmte es hinter die Windschutzscheibe und lief durch den Park zum Gericht. Hier blüten die ersten Bäume. Das liebliche, junge Frühlingsgrün vertuschte, weswegen Jana hier geladen war: wegen einer gerichtlichen Auseinandersetzung. Bloß welcher?

Aufgeregt trat Jana durch eine der doppelseitigen Riesentüren ins Gericht. War es aus Eisen und Stahl? Oder aus alter deutscher Eiche? Sie versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Treppen führten hinauf, Gebäudeteile in alle Himmelsrichtungen. Das Gebäude sah aus wie ein geschlossenes E. Es hatte drei Arme und zwei verbindende Längsteile, die in die Unendlichkeit zu führen schienen. Jana lief und lief. Ging ins zweite Obergeschoss und fand erst nach 20 Minuten den gesuchten Gerichtssaal.

Und was jetzt? Eintreten? Warten? Es stand keiner vor der Tür. Also waren die Beteiligten drinnen? Auf dem austauschbaren Schildchen neben der Tür stand, um welche Strafsache hier verhandelt wurde. Jana klopfte, trat ein und stellte sich vor. Freundlich sagte der Richter, sie müsse noch einen Augenblick warten; er würde sie aufrufen; am Ende des Flures wäre ein Wartebereich.

Jana ging dorthin. Zwei Männer liefen wortlos im Kreis. Sie gesellte sich zu ihnen. «Guten Morgen! Bist Du nicht einer von Thorstens Mitarbeitern?», fragte sie den einen. Der nickte. «Ja, stimmt. Du bist Stefanos Ex-Frau oder?»

Jana stimmte zu. «Weißt du, worum es hier heute geht?», fragte sie ihn.

«Ja und nein. Thorsten und Stefano haben Frau Edel doch vor einigen Jahren ein paar Wohnungen verkauft. Als Anlagevermögen. Und jetzt meint die Käuferin, sie wäre betrogen worden. Aber mehr weiß ich auch nicht», erzählte der 25-jährige Immobilienverkäufer. Jana erwiderte: «Ich weiß überhaupt nicht, was ich hier soll. Mit der ganzen Sache hatte ich überhaupt nichts zu tun.»

Ihr Gesprächspartner zuckte mit den Schultern, konnte aber auch nicht mehr Antworten, da er aufgerufen wurde. Jana schaute aus dem Fenster. Die dicken alten Mauern des Gebäudes bildeten am unteren Ende des Fensters eine schwere, tiefe Fensterbank. Sie setzte sich darauf.

Warten. Warten. Warten. Jana wartete und überlegte: ‚Was ist da damals gelaufen? Wovon weiß ich nichts? Was habe ich damit zu tun?‘

Als sie eine Viertelstunde später endlich aufgerufen wurde, war sie sehr aufgeregt; ja fast überdreht. Jana trat in den Gerichtssaal. Der Richter saß an der Längsseite des Raumes, mittig am großen Richterpult. Links, direkt an der Tür saß Thorsten mit seinem Anwalt. Rechts am Fenster saß Dana-Maya Edel mit ihrem Rechtsvertreter. Die ungefähr acht Jahre ältere Frau blickte die Eintretende nicht an.

Thorsten sagte: «Hallo Jana!» – und der Richter bat sie, in der Mitte direkt vor ihm, Platz zu nehmen. Zwischen den beiden Parteien. «Bitte nennen Sie uns Ihren vollständigen Namen und Anschrift für das Protokoll», forderte der Richter sie auf. Jana Pfeffer tat das. «Woher kennen Sie den Angeklagten?», fragte er dann.  «Thorsten Bender und ich haben uns vor ungefähr 20 Jahren mal beruflich kennengelernt. Seitdem sind wir befreundet», erklärte Jana.

«Und in welchem Verhältnis stehen Sie heute zueinander?», fragte er. «Seine Frau – die ich schon aus unserer Jugendzeit kenne – , mein Ex-Mann und ich waren viele Jahre lang beste Freunde. Mein Ex-Mann hatte darüber hinaus geschäftlich mit ihm zu tun.»

Der Richter bezog seine nächste Frage auf Dana-Maya: «Sie kennen die Klägerin? Frau Edel? In welchem Verhältnis stehen Sie zu ihr?» Jana zögerte – wie sollte sie darauf antworten? «Sie ist die Kundin meines Ex-Mannes gewesen. Ich kenne sie selbst nur oberflächlich.» «Sind Sie mit ihr privat befreundet?», fragte der Mann in schwarzer Robe weiter. «Nein, bin ich nicht», erklärte die Zeugin.

«Wie hat Stefano Schwarz Ihnen die Frau vorgestellt?» «Wie? Als Kundin, die betriebswirtschaftliche Beratung braucht. Er hat für sie gearbeitet», erläuterte Jana. Der Richter hob eine Braue. «Wie hat er sie Ihnen gegenüber bezeichnet?», fragte er. Jana erklärte nochmals: «Als Kundin!» Links von ihr bewegte sich Thorsten und nuschelte «Sag ich doch.»

Sein Anwalt übernahm das Wort: «Es ist wichtig, dass hier geklärt wird, in welcher Beziehung Dana-Maya Edel zu meinem Mandanten stand. Wie wurde Frau Edel Ihnen und anderen hier in Hamburg vorgestellt?» «Als Kundin!», äußerte Jana nun leicht gereizt. Was sollte diese Frage? Inhaltlich immer wieder die gleiche. Rechts von ihr saß Dana-Maya und sackte in sich zusammen. Frage für Frage; Antwort für Antwort, wurde sie kleiner und schmaler. Jana sah den Schmerz in ihrem Gesicht. Sie tat ihr leid. Trotz allem.

Ihr Anwalt riss nun das Wort an sich: «Sie lügen doch. Ihr Freund da hinten hat Ihnen doch eingeimpft, was Sie hier sagen sollen!», behauptete der.

Jana warf dem unsympathischen Anwalt einen verächtlichen Blick zu; drehte sich dann wieder zum Richter um. «So ein Quatsch. Nachdem ich die Ladung für diesen Gerichtstermin bekommen hatte, versuchte ich Herrn Bender mehrmals telefonisch zu erreichen. Aber er rief jedes Mal nur: «Ich rufe zurück!» und schmiss den Hörer in seiner überaus «freundlichen» norddeutschen Art auf … Er hat sich aber nicht dazu gemeldet. Bis heute nicht.»

Links lachten alle. Der Richter schmunzelte. Jana´s Nervosität war längst verflogen. Sie war jetzt eher cool und in sowas wie Wettkampfstimmung. Der Anwalt der Klägerin erklärte: «Meine Mandantin ist der Meinung, dass Herr Bender seine private Beziehung zu ihr ausgenutzt hat, um ihr die Immobilien aufzuschwatzen.»

Jana krauste die Stirn. «Wenn hier jemand eine private Beziehung zu ihr hatte, dann mein Ex-Mann. Aber Herr Bender hatte meines Wissens nur geschäftlich mit ihr zu tun.» «Und wie wurde Frau Edel ihm vorgestellt? Als die Freundin von Herrn Schwarz?», erkundigte sich der Anwalt. Jana kreuzte die Arme vor der Brust und blickte ihn fast mitleidig an. «Wie bitte? Nein, sie wurde von meinem Ex-Mann immer als Kundin betitelt. Glauben Sie mir: Hätte jemand aus meinem Freundeskreis sie als Freundin meines Ex-Mannes kennengelernt, dann wäre ich ganz sicher viel früher von ihm geschieden gewesen!»

Thorsten lachte. Dana-Maya traten Tränen in die Augen. Jana sah das, aber was sollte sie tun? Lügen, um sie nicht zu verletzen? Der Anwalt drehte sich so auf dem Stuhl, dass das Blickfeld zwischen Jana und Dana-Maya enger wurde. Der Mann diente jetzt als Schutzschild. Der Richter zog Bilanz: «Verstehe ich richtig? Frau Edel wurde Ihrem Wissen nach immer als Kundin bezeichnet? Nicht als private Bekannte?»

Jana nickte. «Wie oft soll ich es noch sagen? Sie ist und war für alle in meinem Umfeld eine Kundin, die meinen Ex-Mann als Berater eingekauft hat. Sie hat laut ihm von ihren Eltern einen Gewürzgroßhandel geerbt. Und als Künstlerin war sie den betriebswirtschaftlichen Aufgaben wohl nicht gewachsen …» Thorsten atmete auf. Dana-Mayas Anwalt schnaubte. Seine Mandantin erschauerte unter dem Wasserfall eiskalter Erkenntnisse. Sie war betrogen worden. Von ihm. Stefano. Doch schlimmer, als sie bisher geahnt hatte. Dana-Maya zerbrach.

Der Richter entließ Jana; sie ging raus. Im Wartebereich hielt sich nun ein anderer, älterer Mann auf. Die eben Entlassene ging auf ihn zu und begrüßte Dana-Mayas besten Freund und Ex-Mann. Sie kannte ihn von Fotos und Erzählungen; als Künstler war er weltweit bekannt. «Sie sind auch hier? Dass wir uns hier kennenlernen müssen … Ich kann nicht glauben, wohin Stefano uns alle getrieben hat!» Der Weißhaarige stellte sich genau vor Jana und blickte sie verständnislos an. «Er uns? Ihr habt doch alle gemeinsame Sache mit ihm gemacht und Dana-Maya fast in den Ruin getrieben!»

Jana schluckte schwer. «Nein, niemals. Ich habe von all dem nichts gewusst und ganz sicher niemanden wissentlich geschädigt. Stefano hat uns alle angelogen. ALLE! Es ist sein Spiel. Wir Anderen waren nur Statisten darin!» Bevor sie das Thema vertiefen konnte, wurde die Tür des Gerichtssaales geöffnet. Alle strebten nach draußen. Dana-Maya versuchte, tief Luft zu holen und die Tränen zurückzuhalten. Ihr Anwalt redete auf sie ein. Der Künstler stellte sich zu ihr. Jana blieb für ein paar Sekunden allein, unschlüssig, was sie jetzt tun sollte.

Die Frau war jahrelang die Geliebte ihres Mannes gewesen. Doch statt Groll für sie zu empfinden, fühlte sie sich mit ihr verbunden. Gleichsam hatten sie dasselbe Leid gefühlt. Gleichsam waren sie von ihm, Stefano dem Gigolo und Chamäleon, um Liebe und Geld betrogen worden. Sie könnten Verbündete sein.

In dieser unerwarteten Stimmung trat Jana auf Dana-Maya zu und murmelte: «Es tut mir leid. Es tut mir wirklich, wirklich leid. Bitte glaube mir: Ich habe mit all seinen Geschichten nichts zu tun. Wir sind beide betrogen worden – das weißt du doch!» Jana versuchte, Dana-Maya zu drücken. Nur einen Bruchteil von Sekunden ließ die emotional geplagte Künstlerin diese Beinahe-Umarmung zu. Erstaunt über Janas Zugewandtheit ihr gegenüber sagte sie tonlos und schwach: «Lass uns irgendwann darüber reden» – und ging.

Der heutige Gerichtstermin war vorüber. Thorsten empfing Jana mit offenen Armen und drückte sie an sich. Tränen traten ihr in die Augen. Sie erklärte: «Dana-Maya tut mir so leid. Kannst du dir vorstellen, wie sie sich gefühlt haben muss, als ich eben x Mal sagen musste, dass sie für uns nur Kundin war? Wie muss das wehtun, wenn man geglaubt hat, Geliebte und Freundin zu sein!? Betrogen auf allen Gefühlesebenen …»

Thorsten drückte sie und forderte Jana auf: «Komm, lass uns gehen. Raus hier!» Eingehakt gingen die Zwei die langen Flure entlang und traten durch eine der schweren Türen hinaus in die Frühlingssonne. Thorsten zündete sich eine Zigarette an. Jana lehnte ab. «Ich rauche nicht mehr! Warum nun bin ich eigentlich als Zeuge geladen gewesen?» «Es ist halt elementar wichtig, ob Dana-Maya eine privat oder geschäftlich Bekannte von mir war. Es geht um Täuschung, Ausnutzung von irgendwas …», meinte Thorsten und lenkte dann vom Thema ab. «Wie geht es dir?»

Jana schüttelte sich wie ein nasser Hund, der gerade ins Warme eingelassen worden war. Sie wollte loswerden, was sie eben so berührt hatte. Sie wollte loswerden, was sie an die Vergangenheit erinnerte. «Eigentlich gut. Ist natürlich anstrengend so mit Firma und Kind allein … Ich hatte einige gute Geschäftsjahre. Die letzten 2 Jahre waren allerdings nicht mehr so prickelnd. Meine Rücklagen aus den guten Jahren werden deutlich weniger», sagte sie.

Thorsten sog tief an seiner Zigarette und blickte Jana fest in die Augen. «Und gibt es einen neuen Mann in Deinem Leben?» Jana schüttelte den Kopf. «Nein, ganz sicher nicht! Wozu auch? Mir geht es ohne besser!» Thorstens rechter Mundwinkel zuckte und ein Hauch von Trübsaal tauchte in seinen Augen auf. Er drückte die gut aussehende alte Freundin kurz an sich und erklärte: «Du bist zu schade, um ewig allein zu sein. Viel zu schade!» und rannte los. Er rief noch: «Ich muss in die Firma!» – und verschwand.

Jana stand da, im Sonnenlicht vor dem Gerichtsgebäude, erinnerte sich an Stefano, den Pfau, den Löwen, den Alligator und die anderen Wesen, die seinen ungreifbaren Charakter verkörperten, und fragte sich, wie sie in diese Geschichte hineingeraten war. Tja, wie? Jana lief vom Gerichtsgebäude zurück zum Auto und fragte sich, ob die Langeweile daran schuld gewesen war?

Jahre vorher hatte sie auf einem 300-Seelendorf festgesessen. Nichts, rein Garnichts trieb dort die Menschen um; außer dem Wind, der die Dächer zu heben schien und um die Ecken jaulte. Das Dorf lag erhöht, rund 45 Meter über Normalnull des Meeresspiegels. Ein Durchgangsdorf im Nichts. Nichts außer einem Zigarettenautomaten. Bei klarer Sicht konnten die Dorfbewohner weit über die Felder sehen und die Kirchtürme der nächstgrößeren Stadt erkennen. Bei klarer Sicht. Doch Jana erinnerte sich, wie damals nichts mehr klar gewesen war für sie – bevor die Geschichte ihren Lauf nahm. Unzufrieden mit sich und der Welt hatte sie ihr langweilig gewordenes Leben infrage gestellt.

Jana lebte damals mit ihrem Freund Alex zusammen. Er war ein netter Typ, aber … Nett. Nett ist auf Dauer einfach langweilig. Die einzige Herausforderung und Abwechslung erlebte Jana durch ihre junge Firma. Mit Freude und Leistungswillen hatte sie sich 1 Jahr zuvor selbstständig gemacht. Sie arbeitete mit dem Freiberufler Achim, einem großartigen, hochintelligenten, aber chaotischen Grafiker um die 40 und Eric, einem talentierten, aber nur in Nullen und Einsen denkenden Programmierer. Den 17-jährigen bildete Jana seit Kurzem zum IT-Systemkaufmann aus. Programmieren konnte Eric schon vorher; seine Ausbilderin brachte ihm das betriebswirtschaftliche Denken und Dinge wie Struktur und Organisation bei. Gleiches galt für Achim. Dem fehlte auch Struktur in seinem Leben … Und Jana? Jana war einfach ein Mensch voller Ideen und legte einfach los – ohne großartig nachzudenken oder zu planen. Sie war ein wissbegieriges Wesen, das Abwechslung und Input fürs Hirn brauchte. Neues für den Kopf. Doch außer dem Firmenaufbau hatte sie keine spannenden Zukunftspläne. Deshalb wartete Jana damals, nicht ganz unbewusst, auf den Zeitpunkt, der alles verändern würde.

Der Verkehr rauschte an Jana vorbei. Immer noch saß sie im Auto beim Gerichtsgebäude und hing ihren Gedanken nach. Sie steckte den Autoschlüssel ins Schloss und startete den Motor. Nie würde sie den ersten Tag vergessen! Den Tag, als sie Stefano zum ersten Mal traf – am Hamburger Hafen.

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Feuchtigkeit verdunstete und stieg den Himmel hinauf. Wie warmer Tee schwebte dieser Dunst über der Elbe und tauchte den Hafen in samtiges Licht. Riesige Schiffe liefen ein. Die ersten Sonnenstrahlen seit Wochen streiften den Horizont. Vom Fischmarkt aus waren Brücken, Kräne und Schiffbauanlagen zu sehen – Arbeiter schufteten auf der anderen Seite. Doch hier auf dem Platz am Hafen bummelten die Pärchen über das Kopfsteinpflaster und wollten von der großen weiten Welt nichts wissen. Sie schienen sich selbst genug zu sein.

In einer der Bars am Fischmarkt saßen vier Gäste dicht an der offenen Fensterfront mit Blick aus Wasser: zwei Frauen und zwei Männer. Delia, eine portugiesische Rassefrau mit Aristokratennase; ein jungenhafter Typ mit babyrosa Hemd: Alex. Und Jana, eine mädchenhafte Gestalt mit blonder Mähne und der Typ, den sie anstarrte. Stefano. Ein Schönling mit schwarzen Haaren.

Jana hörte den Anderen beim Gespräch kaum zu. Sondern sah ihn an. Beobachtete ihn. Versuchte seinen Blick festzuhalten. Nur wirkte dieser Blick aus seinen dunklen, tiefgründigen Augen unstet. Unbeständig und ruhelos.

Delia hatte Jana nachmittags angerufen: «Erinnerst Du dich noch an den Lover, den ich in Düsseldorf mal hatte? Diesen Stefano? Der kommt mich heute nach Jahren besuchen – frag mich nicht, warum. Kannst du mitkommen? Ich will nicht mit ihm alleine sein!»

«Aha. Und warum nicht?“ „Weiß nicht so genau, fühle mich einfach unwohl dabei. Vielleicht, weil ich nicht weiß, was er nach all den Jahren will.“ Jana verstand. „Klar unterstütze ich dich. Wenn Alex keine Lust haben sollte – womit ich ja wie immer rechnen muss – komme ich eben allein». Nun: Alex hatte keine Lust, war aber maulend mitgekommen. Hier saßen sie jetzt und Jana war durcheinander wie eine Pubertierende, die das erste Mal einen Mann faszinierend fand. Der schwarzhaarige Adonis fesselte sie. Wie gebannt saß Jana da und versuchte ihre Gefühle zu verstecken. Doch gnadenlos brachen die Hormone aus … Ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen glasig – ja, sie wirkte fast krank. Fieberhaft.

Jana träumte vor sich hin. Sie träumte, dass dieser schöne Mann ihr folgen würde. Wenn sie zum WC ging, die Treppe hinunter, heimlich. Sie küssen und ihr dabei tief in die Augen sehen würde.  Jana zog ihre Jacke aus – ihr war warm. Ein Blinder konnte sehen, das ihr Gesicht rötlich glühte. Sie streifte Strähnen ihres taillenlangen Haares ins Gesicht und versteckte sich dahinter.  Die anderen drei unterhielten sich, Jana wusste eigentlich gar nicht worüber. Sie hörte nicht zu, sagte nichts. Saß nur da und beobachtete Stefano.

Plötzlich stand sie auf, sagte: „Ich muss mal wohin!“ und lief über eine Treppe ins alte Kellergewölbe hinunter. Dabei trug sie weiter die Illusion mit sich, dass ihr neuer Hero ihr auf dem Rückweg entgegen kommen und die Chance ergreifen würde. Er würde sie bestimmt packen, wie Richard Gere lächelnd, ihr die Haare aus dem Gesicht streifen und zärtlich küssen.

Tat er aber nicht.

Als Jana von ihrem Toillettenbesuch an den Tisch zurückkehrte, hielt sie es nicht mehr aus! Luft, Luft, Luft! Jana bat um Aufbruch. Und Stefano änderte seine Pläne. „Ich fahre doch zurück nachhause. Ich muss, tut mir leid.“ Delia schüttelte ihren dunkelbraunen Wuschelkopf. „Du alles gut. Bei mir ist eh zuwenig Platz in der Wohnung für Gäste!“ Delia wirkte erleichtert. Jana enttäuscht. Alex reichte Stefano die Hand und verabschiedete sich als Erster. Dann lief er los, um sein Auto zu holen. Delia umarmte Stefano zum Abschied. Jana stand hinter ihr und sah seinen Blick, der auf sie gerichtet war. Seine Augen brannten wie heiße Kohlen. Verheißungsvoll aber auch gefährlich – was hatte er schon alles erlebt? Sein Blick brannte sich wie ein glühender Funkenregen in Janas Hirn und verwirrte sie zutiefst. Wer oder was versteckte sich dahinter? Was für Geheimnisse lagen darin verborgen? Stefano berührte sie zutiefst.

Doch flüchtig wie ein Blitz war der spannungsgeladene Moment vorüber, als Delia einen Schritt zurücktrat und ihm noch „Gute Fahrt!“ wünschte. Stefano rief Jana ein einfaches «Tschüss» zu, ging, stieg in seinen BMW und raste aus dem Hafenviertel. Jana und Delia blickten ihm hinterher. „Was war denn das jetzt? Hast du seinen Blick gesehen?“, fragte Jana ihre Freundin. Delia antwortete: „Du ja, den Blick kenne ich. Hat ja seinen Grund, dass er mich damals herumbekommen hat!“ Jana lächelte schief. So blickte er also alle Frauen an?

Ein Autofahrer hupte. Jana war so tief in ihren Erinnerungen versunken, dass sie das Umspringen der Ampel auf Grün nicht bemerkte. Verwirrt setzte sie den Fuß aufs Gaspedal und gab Gas. Aber: Der Großstadtverkehr floss träge dahin. Sie kam nicht weit. Stop-and-Go. Zeit zum Telefonieren …  «Hi, ich bin es. Jana», eröffnete sie das Gespräch. «Na, wie war es?», fragte Delia. «Überraschend. Schmerzvoll. Dana-Maya tut mir echt leid! Der Richter hat mich immer wieder gefragt, ob sie uns allen als Privatperson oder als Geschäftsfrau vorgestellt wurde», erzählte Jana. «Na, als Kundin!» rief Delia.

«Mmm. Und das immer wieder zu hören, muss echt fies für sie gewesen sein. Sag einmal: Hast du Stefano damals eigentlich gesteckt, dass ich ihn leiden mochte? Damals nach dem Abend am Hafen?» Delia räusperte sich. «Du meinst, als er mich besuchte und wir uns zu viert getroffen haben? Jaaa … Aber nur angedeutet.» «Wusste ich es doch! Warum hätte er mich damals sonst anrufen sollen?», fragte Jana. Stefano hatte sie ein paar Tage nach dem Hafenabend von sich aus angerufen.

Jana sagte: «Er hat mich damals x-mal angerufen und mir ständig E-Mails geschrieben. Und dann irgendwann gefragt, ob ich ihn vom Flughafen abholen kann.» Delia antwortete mit kläglichem Ton in der Stimme: «Ja, ich weiß. Ich fühle mich ganz schlecht. Ich hätte ihn dir niemals vorstellen dürfen. Alles ist meine Schuld!» «Na ja – ich bin ja selbst auf ihn reingefallen. Aber bitte stelle mir besser nie wieder einen Mann vor», sagte Jana schief lächelnd und fragte sich: ‚War Stefano damals wirklich so umwerfend gewesen?‘

Chamäleons sind Verwandlungskünstler. Multiple Persönlichkeiten. Menschen, mit vielen Gesichtern.

Buch-Inhalt

Die alleinerziehende Unternehmerin Jana sagt als Zeugin vor Gericht aus – und wird in ihre Vergangenheit zurückgeholt. Sie erinnert sich an die Erlebnisse mit dem schizophrenen Schönling Stefano – dem damals ALLE glaubten.

Er schaffte es, sie und viele Andere mit einem Geflecht aus Wahrheit und Lüge in einen seidenen Kokon zu weben. Die Menschen vertrauten ihm – charmant, wie er war. Jana hatte zu arbeiten und baute ihre Firma auf. Wahrnehmungen missachtet sie …

Roman – Liebesdrama und Wirtschaftskrimi zugleich.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.


Prolog

Illusion über eine multiple Persönlichkeit

Sie spürte, was er damals gespürt hatte. Sah, wie der verführerische Kater sich in einen prächtigen Pfau verwandelte, der im Licht der Bewunderung glänzte und sich präsentierte. Spürte, wie der schöne Pfau plötzlich sein tägliches Drama als solches erkannte – mit den Weibchen, die doch nicht immer taten, was er wollte. Jana fühlte, wie er fühlte, dass der Boden unter seinen Füßen auseinanderdriftete. Da stand er unerwartet im Wüstensand, der unter ihm davonglitt. Da stand er nun und wusste nicht, wie er sich retten sollte.

Außer mit weiteren Lügen und Täuschungen.

Jana sah, wie sich nunmehr ein Alligator, der nach Futter lechzte, aufrichtete. Sie sah, wie der Alligator das Wesen des Pfaus verdrängte und seine Seele unterdrückte, um selbst hervortreten und handeln zu können. Eine schuppige, starke Haut breitete sich aus. Stefano, eben noch schön und anmutig, zeigte jetzt seine naturgewaltige Seite. Stefano war jetzt Alligator. Ruhig und besonnen.

Im richtigen Moment würde er zuschnappen.

Aber dann erinnerte Jana sich wieder an die kleine Maus, die er mal gewesen war. An das zarte unschuldige Wesen, welches versuchte, sich vor seinem Peiniger in Sicherheit zu bringen. Versuchte, nicht schon wieder in seine Fänge zu geraten. Versuchte, dem Unheil zu entkommen. Es trippelte auf leisen Pfoten um die Ecke und machte sich dabei klein und unauffällig – doch es nutzte nichts. Es wurde gerochen und gejagt.

Der Jäger schnappte sich die kleine Maus und machte sich über sie her. Angst. Angst. Angst. Ihre Seele kämpfte um ihr Heil – und wurde verdrängt. Doch von wem? Dem Alligator? Dem Pfau? Nein, dieses Mal war es ein großer, starker Löwe. Mit ausladenden Sprüngen preschte er heran und warf sich auf den Peiniger der Maus; brüllte aus weit aufgerissenem Maul, presste seine Krallen auf die Brust des Peinigers und drückte ihn zu Boden.

Die kleine Maus konnte flüchten.

Das zarte Geschöpf rannte und rannte und rannte. Es schüttelte sich, versuchte zu vergessen, was der Peiniger ihr schon so oft angetan hatte. Es weinte. Es schluchzte. Es sträubte sich gegen den Schmerz – und bäumte sich auf. Wuchs. Wurde größer. So groß wie eine Hyäne, die dreckiger sein wollte als alle Peiniger der Welt. Die über Leichen gehen würde, wenn man sie nur ließ. Die sich vornahm, es allen zu zeigen.

Welches davon ist die wahre Seele dieses Wesen?

-> weiterlesen 01 – Gerichtstermin

Buch-Impressum

Chamäleon – Lehrstück oder Warnung?

Autor: Su-Enna Ryckert
published by: tiefenschaerfe.de
Copyright: © 2018 Su-Enna Rykert / tiefenschaerfe.de

Cover-Gestaltung: tiefenschaerfe.de
Fotos: „Dino“ mit freundlicher Genehmigung von
http://www.dinopark.de/the-future-is-wild/
„Portait of a man“: fotolia.org #79736495 | Urheber: djile

Auflage 1, Version 1
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