Reinfeld, Alte Schule. Es ist Montagmorgen und ich erlebe in einem Rollenspiel, wie es ist, ein Flüchtling in Deutschland zu sein. Das ist mit viel Warterei und Ungewissheiten verbunden. Aber was mich nachhaltig berührt, ist die WAHRE Geschichte einer Familie, die vielleicht in wenigen Tagen tödlich enden wird.

WP_20160808_10_15_15_ProUdo Reichle-Röber von der Diakonie führt uns, 8 deutsche Jugendliche zwischen 12 + 19 Jahren sowie zwei Mütter, durch den halben Tag. In dem geplanten Rollenspiel werden wir Deutschen zu Flüchtlingen, die auf dem Parkplatz der Alten Schule DIE Grenze überschreiten müssen. Die eigentlichen Flüchtlinge (mindestens genauso viele) und Udo werden zu Grenzschutzpolizisten, Beamten, freiwilligen Flüchtlingshelfern, Übersetzern, Heimleitern und Sprachdozenten. Sprache? Ist ein Problem. Ein Großes, wenn nicht sogar das Größte.

An der Grenze antworte ich auf die Fragen der Grenzpolizisten immer nur mit dem, was ich verständlich sagen kann.

Meinen fiktiven Namen. Ich bin jetzt Nouriyeh Amiri, 39 Jahre alt, aus Afghanistan, von wo ich mit meinem Mann Reza (Zahnarzt) und drei Kindern wegen der Taliban geflüchtet bin. Nie wieder will ich eine Burka tragen! Ich bin intelligent und gebildet. Mein Weltbild ist ein Westliches. Das meiner Eltern auch – sie sind dafür getötet worden.

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Nachdem wir ins Land eingelassen wurden, registriert und in einer Sammelunterkunft untergebracht sind, warten wir – mal wieder. Diese Warterei macht mich verrückt. Untätig zu sitzen und zu warten, zu warten, zu warten, dass es irgendwie weitergeht – kaum zu ertragen. Es ist müßig Fragen zu stellen – sie werden nicht verstanden. Antworten kommen kaum. Die Beamten und Unterkunftsmitarbeiter sprechen halt nicht die vielen Sprachen von uns Flüchtlingen. Arabisch, Dari, Slowenisch-kroatisch, Persisch – da ich gebildet bin, spreche ich auch Englisch – aber das nützt mir nichts, die Beamten und die Unterkunftsleiterin sprechen nur ihre Muttersprache. Aber zum Glück kommt eine Übersetzerin dazu. Nach der Einweisung in das 8-Bettenzimmer müssen wir wieder warten.

Tatsächlich ist das hier und heute das erste Rollenspiel meines Lebens (mit Ende Vierzig). Uns wurde gesagt, wer aus der Rolle fällt, wird aus dem Spiel geschmissen. Aber wir schummeln trotzdem. Angelina (Name geändert), 11 Jahre jünger als ich und ihre älteste Tochter Babett (Name geändert) sind mit meinem „Mann“ (ein 12jähriger J) eine Weile in der Unterkunft allein. Unser Spielleiter ist irgendwo draußen.

alban familieWir brechen die Regeln. Die beiden echten Albanerinnen und ich tauschen uns über das wahre Leben aus.

Angelina spricht wenig Deutsch, aber das, was sie mir sagt und von ihrer hübschen, intelligenten Tochter in sehr gutem Deutsch ergänzt wird, lässt mir die Tränen kommen. „Wir müssen gehen“, sagt sie. „Schon bald, in den nächsten zwei Wochen.“ „Warum? Wohin? Was hat Euch hergebracht?“ will ich wissen und erfahre: „Mein Mann wurde von einer verfeindeten Familie umgebracht. Er ist tot. Ich musste mit den Kindern aus unserem Dorf fliehen!“

Seit April 2015 sind sie in Deutschland. Die kleinen Jungs sind in der Kita, die beiden jugendlichen Mädchen gehen in die Schule. Sie sollen Klassenbeste sein, lobt Udo später. Ich will Angelina noch was fragen, sehe aber die Angst und die Qual in ihrem Gesicht – mir kommen die Tränen. Ich spüre, was sie spürt: Angst und Verzweiflung. Die Angst, vielleicht bald eines der Kinder zu verlieren. Wir kannten uns bis vor einer Stunde nicht. Aber Mütter sind Mütter und wir fühlen in den Sekunden das Gleiche. Eine verlegene Umarmung von Fremden, unter Tränen, geboren von dem Verständnis unter Gleichgesinnten.

Anstatt weiter mit der deutschen Sprache zu ringen, zieht sie ein Schreiben an die Ausländerbehörde / Widerspruchsstelle aus der Tasche und gib es mir zum Lesen. In ihrem Widerspruch gegen die Abschiebung steht ihre Geschichte in Kurzform geschrieben:

Eine Rückkehr wäre Lebensbedrohlich

In Albanien führte ihre Familie eine teilweise blutige Fehde gegen eine andere Familie. Ein Mädchen aus der verfeindeten Familie hat Angelinas Mann umgebracht. Darauf sind sie und die Kinder geflüchtet. Denn: Rache ist gewiss. Die Mörderin ist verurteilt worden und sitzt im Gefängnis. Aber: diese hat vier Brüder. Die wohnen noch immer in dem albanischen Dorf. Sie haben das Haus von Angelina verwüstet (es ist wohl kaum bewohnbar) und warten nur auf den Zeitpunkt, um endlich Rache ausüben zu können.

Das hat nichts mit einem Glaubenskrieg zu tun. Nichts mit Politik oder Religion. Nichts mit den Taliban oder dem IS. Das hört sich nach einer kriminellen Geschichte an, nach einer Vendetta, nach etwas ganz Persönlichem. Wie soll diese Frau, dieser persönlichen Geschichte ausweichen? Deutschland will sie zwingen, ihre Kinder dorthin zurückzubringen, wo sie persönlich, ganz gezielt um ihr Leben gebracht werden können. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch. So ist das bei Familienfehden in Albanien.

Wird die Mutter mit ihren vier Kindern von unserem Staat ans Messer geliefert?

Hilflosigkeit übermannt mich – wie kann das abgewendet werden? Selbst ein Anwalt hat ihnen nicht helfen können. Hat dieser Sachverhalt nur was mit Asylrecht zu tun? Geht es hier nicht um Schutz vor Mord und Todschlag von einzelnen Personen?

WP_20160808_11_59_08_ProDas Rollenspiel geht weiter. Unser Spielleiter meint im Vorbeigehen: „Passend zu Deiner Rolle solltest Du ein Kopftuch tragen.“ Ich habe einen Schal um den Hals. Nach Sekunden des Zweifels glaube ich, mich in die Rolle besser einfinden zu können, wenn ich es wirklich tue. Es ist ein leichter Sommerschal, ich spüre ihn kaum meinem Kopf, bin mir aber die nächste halbe Stunde sehr bewusst, dass er meine langen Haare abdeckt. Verändert er mich? Ein wenig schon. Gefühlt. Wirke ich jetzt anders auf Andere? Ich weiß es nicht.

Wir Flüchtlinge werden von einem unfreundlichen Sozialarbeiter (Udo) aufgefordert, seinen verschiedenen Anweisungen zu folgen. Wir Afghanen und Syrier sollen an einem Sprachkurs teilnehmen. Das tun wir gerne und folgen den Dozenten (in echt sind das zwei Kurdisch-Syrier) in die Küche der Alten Schule, die heute ein Schulungszimmer ist. Ich bin die einzige Erwachsene am Tisch, die anderen Schüler sind Kinder – sie verstehen unseren perfekt Englisch sprechenden Dozenten kaum. Ich übersetze einen Teil in unsere Muttersprache für sie.

Übrigens sollen wir Arabisch lernen!

Die Sprache hat kurze, knappe Worte aber die typischen Rachen- und Zischlaute kommen mir schwer über die Lippen. Aber es geht. Geschrieben wie ich es höre: „Marchaba“ heißt zum Beispiel „Guten Tag!“; „Zalom“ heißt „Tschüss“; „Amme“ heißt „Arbeit“; „Dschowall“ heißt „Handy“. Die zwischenmenschliche Barriere wird immer kleiner. Unsere beiden Dozenten sind sympathetische, kluge und offene junge Männer. Sie erzählen viel über die Sprachbarrieren und welche Probleme daraus erfolgen. Am Anfang war es am Schlimmsten. Das Aufnahmeverfahren; die erste Unterkunft; all die offenen Fragen, die sie niemanden stellen konnten. Die vielen Behördengänge; das nie Alleinsein in der Massenunterkunft; das Ringen um Sprachkurse; das Langweilen, weil sie nicht arbeiten durften.

Warten – das ist derzeit ihr “Job”. Gerne würden sie arbeiten.

Die Männer haben eine Chance; sie sind gebildet. Einer ist Journalist; ein anderer schreibt hobbymässig. Er hat einen PC. Ein Dritter war zuletzt in Dubai als Controller tätig gewesen (sein Business-Englisch ist deutlich wahrnehmbar), bevor er seine Familie aus dem heimischen Krieg nach Deutschland brachte. Zwei Filmemacher sind auch da. Bei ihnen allen herrscht Krieg in den Heimatländern. Sie dürfen bleiben, vielleicht für immer. Allesamt interessante Menschen, denen ich gerne wieder begegnen werde.

Aber sie, sie werde ich nicht wiedersehen können: Angelina mit ihren vier Kindern, die in Kürze in ihre Heimat ausgewiesen wird, wo sie nach albanischen Vendetta-Regeln mit tödlichen Racheakten zu rechnen hat. Die Spielteilnehmer sehen mich – mich, die sonst tatkräftige Kämpfernatur – noch zweimal emotional werden. Diese Familie ohne Vater hat keine Chance in ihrem alten Dorf. Werden Sie der Blutrache zum Opfer fallen? Oder gibt es einen Ausweg für sie?

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Geschrieben in 2012 auf sii-kids.de

Hochbegabte Kinder lernen schneller und komplexer als Andere – doch wieso?

Die meisten Menschen erfassen und lernen in Teilschritten. Vom Einfachen zum Schweren; Vormachen-Nachmachen – so lauten die Lehrgrundsätze, mit denen die meisten Schüler gut zurechtkommen. Aber das Frontalhirn von Hochbegabten  ist laut Aljoscha C. Neubauer, Prof. an der Universität Graz, ausgeprägter (genetisch bedingt).  Durch den  leistungsfähigeren „Arbeitsspeicher“ erfasst ein hochbegabter Schüler zum Beispiel eine Information erheblich schneller und umfassender. Dabei gelangt er nicht in 1, 2, 3 Teilschritten zur Erleuchtung, sondern ihm geht gleich das ganze Licht auf – Details werden erfasst; die Dinge aus mehreren Perspektiven gesehen.

Knackpunkt: Selbstkonzept

Nur im richtigen, verständigen Lernumfeld mit Gleichgesinnten, einer stressfreien, selbstbestimmten und anregenden Umgebung, können Kinder ihre Fähigkeiten nutzen und weiterentwickeln. Ihr Selbstkonzept muss stimmen – dies entfalten sie nur unter ähnlich veranlagten Kindern.

Ein entsprechend förderliches Lernumfeld finden Grundschüler zum Beispiel in der Claus-Rixen-Schule in Altenholz bei Kiel. Susanne Braun-Speck aus Großhansdorf besuchte am 30. März 2011 die 4 + 1  Projektklasse, die von Lehrer Kai Frantzen geführt wird. Als motivierter Lehrer, weiß er, was das Wichtigste für diese ist: sich als normal empfinden und in einer Gruppe wohlzufühlen, ohne darin besonders aufzufallen.

Susanne Braun-Speck erzählt: „Im heimatlichen Umfeld, wie auch in Kai´s Klasse, hörte ich von vielen Kindern, dass sie an der normalen Schule oft so alleine sind. Hier finden sie „echte“ Freunde – Gleichgesinnte eben!“

Gleichgesinnte sind  natürlich nicht das Einzige, was die Schüler im 4+1 Projekt vorfinden. Lehrer Kai Frantzen entwickelte dieses Konzept im Laufe der letzten 10 Jahre. Anfangs bot er es kostenfrei am Samstag an, nunmehr seit 2007 an drei Tagen in der Woche. Jeden Tag begrüßt er andere Kinder. Sie kommen aus dem eigenen Haus, nahe liegenden Schulen und auch von weit her.

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Selbstbestimmung fördert die Motivation

Konrektorin Andrea Raschke beantwortete der Besucherin zwischendurch rechtliche Fragen rund um die Idee. Auch, wie die Kinder zu ihnen kommen: „In der Regel werden die Kinder in Absprache mir den Eltern von ihren Lehrern für das Programm vorgeschlagen. Die Warteliste ist lang …“ Die stellvertretende Schulleiterin steht hundertprozentig hinter der Idee! Sie selbst hat jahrelang in New York gelebt und unterrichtet die bilingualen Klassen. Als zwei Schüler hereinkommen, spricht Andrea Raschke im fließenden Englisch mit den Kindern – die sii-kids Vertreterin ist beeindruckt!

Zum 4+1 Konzept gehört das selbstbestimmte Arbeiten: Die Schüler wählen sich jeweils selbst ein Thema aus; entscheiden, ob sie gerade alleine oder in einer Gruppe arbeiten möchten und fangen dann einfach an – mit komplizierten Schach-Knobeleien, Chinesisch lernen oder Geschichten am Computer schreiben.

„Obwohl die Kinder ständig in Bewegung waren, fand ich eine entspannte Atmosphäre vor!“, erklärt die Besucherin Braun-Speck. In dieser „Klasse“ der Claus-Rixen-Schule brauchen die Schüler nicht still an einem Platz sitzen. Sie arbeiten auch schon mal auf dem Boden liegend oder im Team am PC. Pausen werden nach Bedarf und im individuellen Rhythmus gemacht. Aufgaben und/oder Projektthemen mehrfach am Morgen gewechselt.

„Hier lernen wir halt eigenständig und etwas anderes, als immer nur Mathe und Deutsch!“, sagten mehrere der Kinder. Bloß dass sie nachmittags Zuhause den Lernstoff ihrer Stammschule nachholen müssen, finden sie doof.

Gelangweilte Gehirne schlafen

Die sii-kids Initiatorin besuchte im Herbst 2010 den Landesthementag Begabtenförderung „Stärken entdecken und entfalten“ in Kiel. Sie lauschte dort besonders gespannt dem Vortrag von Prof. Neubauer „Begabungserkennung und -förderung aus Sicht der Gehirnforschung“.

Eine seiner Erkenntnisse macht besonders deutlich, warum begabte Kinder im normalen Schulunterricht so oft versagen. Dort ist zum Beispiel das Lerntempo auf Normalbegabte (ca. IQ 100) ausgerichtet. Nun sitzt dazwischen ein hochbegabtes Kind, welches die Lerninhalte durch seine hohe Arbeitsgedächtniskapazität des Frontalhirns schnell erfasst – schneller, als die anderen. Hat das Hirn seine Arbeit getan, schaltet es ab und begibt sich in einen Ruhezustand und entspannt sich. Sollten nunmehr auch noch Wiederholungsaufgaben anfallen … ist das für überdurchschnittlich Intelligente eine Qual. Betreffende Schulkinder schalten ab und bekommen nichts mehr vom Unterricht mit. Entsteht dieser Zustand regelmäßig, Tag für Tag, Monat für Monat – gar für Jahre, passieren möglicher Weise folgende Dinge. Betroffene Schüler:

  • bleiben im Stoff zurück, zeigen keine Leistung – das Abrutschen auf Hauptschul-Niveau kann folgen !
  •  Lernen das Lernen nicht (ihrer „Denkerstirn“ fehlt die Herausforderung)
  • lassen sich sehr schnell ablenken, können sich nicht konzentrieren, reagieren mit Hyperaktivität und Unruhe
  • spielen aus Langeweile den Klassen-Clown, ringen um Aufmerksamkeit
  • stellen sich quer, verweigern ggf. jegliche Mitarbeit, reagieren mit Aggression
  • ziehen sich zurück, werden Außenseiter, die Folge davon: Depression
  •  oder verlieren ihre Lern-Motivation, wollen nicht mehr zur Schule gehen (Schulverweigerer)

Bei vielen Kinder passiert all das nicht – sie kommen gut durchs Leben, entwickeln sich prima, schreiben gute Noten, sind genauso froh und/oder erfolgreich, wie andere.

Auch denen, die betroffen sind, kann geholfen werden. Eine andere Lernumgebung und -methodik kann einen Teil zur Verbesserung der Situation dieser Kinder beitragen. Ebenso wichtig ist es, Kinder zusammenzubringen und ihnen den Austausch mit Gleichgesinnten zu ermöglichen. Wenigstens für einen Tag die Woche – das bringt schon immens viel, meint Kai Frantzen überzeugt.

Ziehen andere Schulen mit ähnlichen Modellen nach? Hilfe brauchen sie dabei ganz sicher! 

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